Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Karl-Wiechert-Allee 18-22
30625 Hannover
info@haeverlag.de
nä 02/2013
aktualisiert am: 08.01.2013

Norwegisches Gesundheitssystem 

  politik

Arztfern

Das norwegische Gesundheitssystem – ein Erfahrungsbericht


 

Ich habe von 2007 bis 2012 mit meiner Familie in Norwegen gelebt. In den ersten beiden Jahren habe ich in der pathologischen Abteilung des Krankenhauses in Skien (Telemark) und danach an der Universitätsklinik in Oslo gearbeitet. Das norwegische Gesundheitssystem habe ich zum einen durch meine Arbeit als Ärztin und zum anderen als Patientin kennengelernt.

Einen Vergleich des deutschen mit dem norwegischen Gesundheitssystems sollte man nicht anstellen, ohne sich über einige wichtige Unterschiede zwischen den beiden Ländern im Klaren zu sein. Während in Norwegen rund 5 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 385.199 km² leben, sind es in Deutschland 82 Millionen auf einer fast identischen Fläche von 357.121 km². Die Entfernungen zu medizinischen Einrichtungen, insbesondere im dünner besiedelten Mittel- und Nordnorwegen, sind oftmals erheblich größer als in Deutschland. Dazu kommen noch schwierige Witterungsbedingungen im Winter und die durchschnittlich geringere Anzahl und Qualität der Straßenverbindungen. Dies führt dazu, dass medizinische Einrichtungen nicht immer so schnell und einfach erreicht werden können, wie dies in Deutschland der Fall ist. Dennoch liegt die relative Anzahl an Ärzten mit 3,9 Ärzten pro 1.000 Einwohner in Norwegen nur leicht über der in Deutschland mit 3,5 Ärzten pro 1.000 Einwohner. Die Anzahl an Krankenpflegern pro 1.000 Einwohner ist jedoch mit 31,9 im Vergleich zu Deutschland mit 9,9 deutlich größer (1).

Finanzierung des öffentlichen Gesundheitssystems in Norwegen

Das öffentliche Gesundheitssystem unterscheidet sich im Vergleich zu Deutschland darin, dass es nur eine Krankenversicherung gibt. Private Krankenversicherungen wie in Deutschland existieren in Norwegen nicht. Dies ist einer der deutlichsten Unterschiede zwischen dem deutschen und dem norwegischen System. Im Zentrum der norwegischen Gesundheitsversorgung steht der allgemeine nationale Versicherungsfonds, über den Gesundheitsleistungen ebenso wie Pensionen, Arbeitslosenunterstützung, Krankengeld und andere Sozialleistungen finanziert werden. In den nationalen Versicherungsfonds zahlen alle Arbeitnehmer und Freiberufler 7,8 Prozent ihres Brutto-Einkommens ein. Selbständige zahlen maximal 10,7 Prozent (2).

Im ambulanten Bereich müssen Patienten mit einer hohen Selbstbeteiligung rechnen, ca. 15 Prozent der Einnahmen des öffentlichen Gesundheitssystems stammen aus der Eigenbeteiligung der Patienten. So muss man pro Hausarztbesuch rund 15 Euro bezahlen. Bei Rezepten liegt der Eigenanteil bei 36 Prozent, nicht jedoch über 30 Euro pro Rezept. Übersteigt der Eigenanteil insgesamt 200 Euro im Jahr, sind alle weiteren medizinischen Leistungen kostenfrei. Erstattet werden Medikamente für chronisch Kranke, Krebs- und Palliativpatienten (2).

Hausarztzentrierte Versorgung


In Norwegen ist der Hausarzt ("fastlege") in den meisten Fällen der erste Ansprechpartner für den Patienten. Als "Gatekeeper" übernimmt er die Lotsenfunktion für den Patienten entlang der medizinischen Versorgungskette. Hausärzte haben eine zugeteilte maximale Anzahl an Patienten. Bei der Wahl des Hausarztes muss der Patient also zunächst überprüfen, ob der gewünschte Hausarzt noch freie Plätze auf seiner Liste hat. Die Gesamtanzahl der Patienten und die Anzahl der freien Plätze für jeden Hausarzt sind im Internet einsehbar (3). Der Hausarzt darf nur einmal im Jahr ohne Grund gewechselt werden. Der Besuch eines Hausarztes, ohne auf dessen Patientenliste zu stehen, ist nicht möglich.

Der Hausarzt übernimmt eine Reihe von Aufgaben, die in Deutschland von Fachärzten durchgeführt werden. Beispiele sind die Behandlung von kleinen Kindern, Verschreibung von Antikonzeptiva oder gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen und Schwangerschaftsvorsorge. Bei diesen primären Gesundheitsdiensten wird der Hausarzt von sogenannten "Helsestasjoner", den Gesundheitsstationen, unterstützt, bei denen sowohl Ärzte als auch Krankenpflegepersonal arbeiten. Routineuntersuchungen und -behandlungen wie Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen oder auch U-Untersuchungen bei Kindern werden hier durchgeführt. Die Hausärzte werden für Hausbesuche ebenfalls von diesen Gesundheitsstationen unterstützt.

Fachärzte arbeiten meist in den Krankenhausambulanzen. Facharztpraxen wie in Deutschland üblich gibt es kaum. Die Anzahl der Hausärzte in Deutschland ist ca. zwölfmal höher als die Anzahl in Norwegen (für das Jahr 2008 waren es 55.395 in Deutschland gegenüber 4.588 in Norwegen). Die Anzahl der niedergelassenen Fachärzte in Deutschland ist jedoch ca. 77-fach höher als in Norwegen (für das Jahr 2008 waren es 70.395 niedergelassene Fachärzte in Deutschland gegenüber nur 905 in Norwegen) (1).

"Legevakt" - Die Akutambulanz


Außerhalb der Sprechzeiten des eigenen Hausarztes kann in dringenden Fällen eine Akutambulanz, das sogenannten "Legevakt" aufgesucht werden. Diese Ambulanz ist ständig geöffnet und hat die vorrangige Aufgabe, medizinische Notfälle einzuschätzen und die weiteren Behandlungsschritte, u.a. auch die Einweisung ins Krankenhaus, festzulegen. Es gibt also nicht die Möglichkeit, sich selbständig in einem Krankenhaus vorzustellen. Selbst das Krankenwagenpersonal darf nur in sehr eiligen Fällen direkt zur Notfallaufnahme ins Krankenhaus fahren. Andernfalls werden die Akutambulanzen angefahren.

Inanspruchnahme durch die Patienten


Wie oben dargestellt sind die Versorgungsstrukturen für Patienten in Norwegen aufgrund des staatlich geregelten Systems klar definiert. Dies hat über lange Zeit das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten geprägt. Es gibt lange Wartezeiten sowohl im ambulanten Bereich als auch in Krankenhäusern. So gibt es den Begriff der "Patientenbrücke" nach Kiel - d.h., viele Norweger lassen sich in Deutschland behandeln, wenn sie zu lange auf einen Eingriff warten müssen (4). Vergleicht man die Anzahl der Arztkontakte der beiden Länder pro Jahr, so ist die Anzahl in Deutschland mit 18,1 pro Jahr in etwa viermal so hoch wie in Norwegen mit 4,6 pro Jahr (1). Diese Zahl muss jedoch in Relation zu der mehr als dreimal so hohen Anzahl der Krankenpfleger gesehen werden, die in Norwegen viele ärztliche Aufgaben übernehmen.

Arbeit, Familie und Freizeit


Für ein vollständiges Bild darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die norwegische Gesellschaft ausgesprochen familienfreundlich ist. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine Selbstverständlichkeit. Die Geburtenrate (Anzahl der Lebendgeborenen pro Jahr auf 1.000 Einwohner) ist in Norwegen höher als in Deutschland (11,46 in Norwegen und 8,25 in Deutschland) (5). Karriere und Familie sind besser miteinander vereinbar. Das beginnt schon bei der Höhe des Elterngeldes. Für 46 Wochen werden 100 Prozent des bisherigen Lohns weitergezahlt, davon muss der Partner mindestens zehn Wochen in Anspruch nehmen; so sollen auch Männer von Anfang an in die Kinderbetreuung mit einbezogen werden. Nach der Geburt erhält der Vater des Kindes zwei Wochen Sonderurlaub, diese zusätzlich zu seinem Jahresurlaub. Nach der Elternzeit haben alle Kinder zwischen einem und fünf Jahren einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Im Jahr 2011 haben in Norwegen 89,7 Prozent aller Kinder zwischen 1 und 5 Jahren einen Kindergarten besucht (6). Die gute Kinderbetreuung in Norwegen ist sicherlich mit dafür verantwortlich, dass es üblich ist, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten. So gehört Norwegen neben Dänemark, Schweden und Belgien zu den Ländern mit hohem Anteil zweier Vollzeitbeschäftigungen (7).

Fazit


Wesentliche Merkmale des norwegischen Gesundheitssystems sind die hausarztzentrierte Versorgung und das System der Akutambulanzen. Es gibt eine stärkere Reglementierung als in Deutschland. Den Patienten werden weniger Wahlmöglichkeiten eingeräumt und sie werden stärker als in Deutschland durch Eigenbeteiligungen belastet. Die Arbeitsbedingungen im medizinischen Bereich erlauben eine sehr gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die weit verbreitete Meinung, dass Norwegen ein attraktives Land zum Leben und Arbeiten ist, kann ich nur teilen.

Verfasser/in:
Dr. Katharina Blonski





inhalt 02/ 13
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Literatur

(1) Marlies Karsch-Völk et al. 2010, Vergleich des deutschen mit dem norwegischen Primärarztsystem aus ärztlicher Sicht
(2) http://www.gesundheitsseiten.de/start.php?nas=l,0350,0250
(3) https://tjenester.nav.no/minfastlege/innbygger/fastlegesokikkepalogget.do
(4) http://www.welt.de/print-welt/article426248/
Patientenbruecke-Norweger-gehen-in-Kiel-zum-Arzt.html
(5) http://www.geographixx.de/einwohner/geburtenrate_vergleich.asp
(6) http://www.udir.no/Barnehage/Statistikk-og-forskning/
Statistikk/Barn-og-ansatte-i-barnehager-15-desember-2011/
(7) Quelle: Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen.


Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2013. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 08.01.2013.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung