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nä 07/2014
aktualisiert am: 15.07.2014

Infektiologie 

  klinik und praxis

Vektorübertragene Infektionskrankheiten

Welches Risiko besteht in Niedersachsen?


 



Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


 

Als vektorübertragene Krankheiten werden solche Infektionskrankheiten bezeichnet, deren Erreger durch sogenannte Vektoren zwischen den Menschen oder von infizierten Tieren auf Menschen übertragen werden. Bei den Vektoren kann es sich um einheimische (endemische) oder um neu eingeschleppte, sogenannte invasive Spezies handeln. Zu den einheimischen Vektoren zählen die Zecken, zum Beispiel die Schildzeckenart Ixodes ricinus ("Gemeiner Holzbock"), die FSME-Viren (Frühsommer-Meningoenzephalitis) und Borrelien übertragen können. Als invasive Vektoren stehen vor allem exotische Mückenarten der Gattung Aedes (zum Beispiel Aedes albopictus, Aedes japonicus, Aedes aegypti) im Fokus, die das Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Fieber übertragen können. Daneben sollen in diesem Artikel noch die Hantavirus-Infektionen behandelt werden, auch wenn die Rötelmäuse oder andere Kleinnager, von denen die Infektionen ausgehen, keine Vektoren im eigentlichen Sinne darstellen, sondern das tatsächliche Reservoir der Viren bilden. Als weitere vektorübertragene Krankheit ist noch die Malaria zu nennen, die als reiseassoziierte Erkrankung in Deutschland circa 600 mal jährlich gemeldet wird. Eine Etablierung der Malaria in Deutschland ist allerdings äußerst unwahrscheinlich - einerseits aufgrund der ungünstigen Reproduktionsbedingungen für die Anopheles-Mücken und andererseits wegen des hohen medizinischen Standards, der eine effektive Behandlung von auftretenden Malaria-Erkrankungen gewährleistet, so dass sich kein ausreichendes Erregerreservoir bilden kann. Daher soll die Malaria in diesem übersichtsartikel nicht weiter besprochen werden.

Tabelle 1 gibt einen überblick über die oben genannten Krankheiten, von denen in Niedersachsen nur die Borreliose und die Hantavirus-Erkrankung als autochthone Erkrankung eine Rolle spielen sowie sehr sporadisch die FSME. Die übrigen Krankheiten, vor allem die durch Mücken übertragenen, treten bisher nur als importierte Krankheiten auf (siehe auch [1]).

KrankheitVerbreitungVektorübertragungMeldepflicht gemäß IfSGFallzahlen 2013 Prävention
     Deutschland/Niedersachsen 
FSMEDefinierte RisikogebieteZeckeStichFür Labornachweisesiehe Tabelle 2Impfung,
 (unter anderem     Expositions-
 Süddeutschland,    prophylaxe
 Osteuropa)
BorrelioseWeltweit nur nördliche ZeckeStichnur in einigen 7.840 Fälle (MeldezahlenExpositions-
 Hemisphäre  Bundesländernaus acht Bundesländern)prophylaxe 
     (nicht in Niedersachsen)   
HantaWeltweit, verschiedene Kleinnager,EinatmenFür Labornachweis undsiehe Tabelle 3Expositions-
 Serotypen (In Nord- und vor allem verunreinigterbei Erkrankung mit prophylaxe
 Mitteleuropa hauptsächlichRötel-Stäubehämorrhagischem Verlauf
 Typ Puumala, seltener mäuse(Mäuseurin, -kot),
 Typ Dobrava)(Reservoir)seltener durch direkten
   Kontakt mit einem
   infizierten Tier.   
Dengue-Tropen und TeileStechmückeStichFür Erkrankung und879 / 43 FälleExpositions-
Fieberder Subtropen; der Gattung LabornachweisReiserückkehrerprophylaxe
 4 SerotypenAedes
  (Aedes
  aegypti,
  auch Aedes
  albopictus)    
Chikungunya-Afrika, Südostasien,StechmückeStichFür Erkrankung und16 / 2 FälleExpositions-
FieberIndischer Subkontinent der Gattung LabornachweisReiserückkehrerprophylaxe
 und Inseln im Indischen Aedes
 Ozean; Ausbrüche auch in (Aedes
 Italien und Südfrankreichaegypti,
  auch Aedes
  albopictus)    
West-Nil-Weltweit, auch in EuropaVerschiedeneStichKeine, ggf. gemäß § 60 / 0Expositions-
Fieber Stechmücken Abs. 1 Nr. 5 IfSG  prophylaxe
    (bedrohliche Krankheit oder
    Krankheitshäufung)  

Tabelle 1: übersicht zu vektorassoziierten Krankheiten

Durch Zecken übertragene Erreger


Die Meldepflicht gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG) bietet die Grundlage für die Einschätzung der epidemiologischen Situation vieler Infektionskrankheiten, so auch der FSME. Tabelle 2 zeigt, dass die bundesweiten FSME-Meldezahlen jährlich deutlich variieren, vermutlich aufgrund der Wettereinflüsse auf die Aktivität der Zecken und ihrer Wirtstiere. In der regionalen Betrachtung zeigen die Meldezahlen, dass das FSME-Infektionsrisiko in Deutschland regional begrenzt ist. Entsprechend weist das Robert Koch-Institut sogenannte FSME-Risikogebiete aus, die auch die Grundlage für die Impfempfehlung darstellen.[2]

Der größte Anteil der Risikogebiete liegt zurzeit in den südlichen Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Thüringen, Rheinland-Pfalz und Saarland haben sich als Gebiete mit erhöhter endemischer Aktivität etabliert, sodass dort ebenfalls einige Landkreise und kreisfreie Städte als FSME-Risikogebiet ausgewiesen wurden. Niedersachsen zählt zu den Bundesländern mit vereinzelten vor Ort erworbenen FSME-Erkrankungen (sogenannte autochthone Fälle), in denen jedoch kein Landkreis die Definition für ein FSME-Risikogebiet erfüllt. In den Stadtstaaten Bremen und Hamburg wurden bisher keine autochthonen FSME-Meldefälle registriert.

Im Gegensatz zur FSME besteht für die Borreliose in ganz Deutschland ein Infektionsrisiko. Allerdings existiert keine bundesweite Meldepflicht. Eine Datengrundlage liefern aber Meldeverordnungen, die in acht Bundesländern bestehen. Rechnet man deren Daten bundesweit hoch, so sind circa 30.000 Borreliose-Fälle pro Jahr anzunehmen.

Seit 2008 führt das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) ein Zeckenmonitoring durch, um für Niedersachsen belastbare Daten über die Prävalenz von FSME-
Viren, Borrelien und weiteren Krankheitserregern in Zecken zu erhalten. Bislang konnte das FSME-Virus nur vereinzelt in Zecken aus zwei niedersächsischen Regionen nachgewiesen werden. Mit Borrelien waren hingegen bis zu 30 Prozent der Zecken infiziert, was der allgemeinen Durchseuchung der Zeckenpopulation bundesweit entspricht. Als weitere Infektionserreger konnten Anaplasma phagozytophilum (Erkrankung: Humane Granulozytäre Anaplasmose) in bis zu 6 Prozent der Zecken und das Bakterium Candidatus Neoehrlichia mikurensis (Neoehrlichia) detektiert werden. In einer noch laufenden prospektiven Untersuchung zur Seroprävalenz von FSME-Antikörpern bei 800 bis 900 Forstbediensteten der Niedersächsischen Landesforsten wurden 2011 erstmals Hinweise auf mögliche autochthone FSME-Infektionen gefunden (Serokonversion nach der in 2009 durchgeführten Untersuchung ohne zwischenzeitlichen Aufenthalt in einem FSME-Risikogebiet oder Impfung). Diese Erkenntnis erhärtete sich im Untersuchungsdurchlauf 2013. Insgesamt lässt sich derzeit aber für Niedersachsen aufgrund der sporadischen Nachweise von FSME-Viren in Zecken und vereinzelter autochthoner Erkrankungsfälle kein erhöhtes Infektionsrisiko für die Allgemeinbevölkerung ableiten.

Durch Kleinnager übertragene Hantavirus-Infektionen


Seit Einführung der Meldepflicht zu Hantaviren 2001 wurden bis zum Jahr 2013 538 Hantavirus-Infektionen in Niedersachsen erfasst. Hierbei waren die Jahre 2007, 2010 und 2012 von sehr hohen Fallzahlen geprägt. Ein ähnliches Muster zeigt sich bundesweit, wobei in den genannten Jahren zwischen 2.000 und 3.000 Fälle erfasst wurden und in den dazwischenliegenden Jahren nur durchschnittlich 250 Fälle (siehe Tabelle 3).

Als Ursache für solche Hanta-Epidemiejahre wird die Dynamik der Mäusepopulationen angesehen. In unregelmäßigen Abständen treten sogenannte Buchenmastjahre auf, die eine sehr gute Futterbasis für die Mäuse bieten und zu einer deutlichen Erhöhung der Mäusepopulation im Folgejahr führen.[3] Bezüglich der geographischen Verteilung zeigt sich für Niedersachsen über alle Jahre eine deutliche Konzentration der Fälle in Landkreis und Stadt Osnabrück (siehe Abbildung oben). Seit 2001 wurden aus dieser Region 50 Prozent der niedersächsischen Meldefälle übermittelt (2012 waren es 64 Prozent). Hier spielen zum einen die Buchenwälder im Umfeld des Teutoburger Waldes als Lebensraum von infizierten Rötelmäusen eine bedeutende Rolle. Zum anderen besteht bei den Ärzten und in der Bevölkerung dieser Region eine hohe Sensibilität für diese Infektionskrankheit, sodass bei entsprechenden Symptomen eine zielgerichtete Diagnostik eingeleitet wird.

Um die Infektionsursachen dieser mitunter schwer verlaufenden Erkrankung besser verstehen zu können, wurde 2005 vom NLGA eine Fall-Kontrollstudie und von 2008 bis 2012 eine intensivierte Ermittlung bei den Meldefällen durchgeführt. Als besonders gefährdet gelten Personengruppen, die sich in den betroffenen Regionen viel im Freien aufhalten - wie Jäger, Land- und Forstwirte, Waldarbeiter, Soldaten, Hundebesitzer sowie Pilz- und Beerensammler. Ein erhöhtes Risiko besteht auch beim Reinigen lange ungenutzter und unbelüfteter Räume (wie zum Beispiel Scheunen, Dachböden, Lagerräumen), in denen sich Mäuse aufgehalten haben. Wie Ergebnisse von Mäusefangaktionen ebenfalls gezeigt haben, scheint die Prävalenz in den Mäusen kleinräumig sehr unterschiedlich zu sein, so dass eher von sogenannten Hotspots auszugehen ist als von einer flächendeckenden Durchseuchung der Mäusepopulation. Die wichtigste Präventivmaßnahme ist die Information der Bevölkerung über die möglichen Infektionswege und Schutzmaßnahmen.

Durch Stechmücken übertragene Erreger


Die Klimaerwärmung und die fortschreitende Globalisierung begünstigen auch die Einschleppung und Ansiedlung nicht-einheimischer Mücken in Europa beziehungsweise Deutschland. Die asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) wurde - vorwiegend durch den globalisierten Handel mit Altreifen und Glücksbambus - aus Südostasien in die USA, nach Lateinamerika, Afrika, Europa und auf mehrere Inseln im pazifischen und indischen Ozean verschleppt. Seit 2008 wird diese Mückenart auch in Deutschland in der oberrheinischen Tiefebene nachgewiesen.

Die asiatische Buschmücke (Aedes japonicus), ursprünglich beheimatet in den kühleren Gebieten Japans und Chinas, ist gut auf das gemäßigte Klima Europas eingestellt und wurde erstmals 2007 in der Schweiz nachgewiesen. Inzwischen ist bekannt, dass die Buschmücke in Deutschland in Regionen Baden-Württembergs und im Rheinland heimisch geworden ist. 2013 wurde diese Mückenart erstmals auch in Niedersachsen in dem Gebiet zwischen Hildesheim, Hannover und Minden identifiziert. [4]

Nach aktuellem Wissensstand sind die in Deutschland eta­blierten Tigermücken- beziehungsweise Buschmücken-Populationen nicht mit den oben genannten Viren infiziert und übertragen daher auch die Krankheiten nicht. Reise­rückkehrer, die akut an Chikungunya-, Dengue- beziehungsweise West-Nil-Fieber erkrankt sind, könnten aber als Infektionsquelle für die Mücken dienen. Durchschnittlich werden jährlich bundesweit circa 30 Chikungunya- und circa 400 Dengue-Fieber-Fälle gemeldet. Importierte West-Nil-Fälle sind in Deutschland bislang nur ganz vereinzelt aufgetreten. Wichtig zur Vermeidung dieser Infektionen ist die reisemedizinische Beratung der Reisenden und der Hinweis auf einen ausreichenden Mückenschutz am Urlaubsort.

Das NLGA hat im Jahr 2013 an mehren relevanten Standorten in Niedersachsen Mückenfallen aufgestellt, um Hinweise auf die Einschleppung der genannten Mückenarten zu erhalten. Im Fangzeitraum von Ende Juni bis Mitte Oktober 2013 konnten 2.622 Mücken gefangen werden. Die bisherigen Ergebnisse korrelieren gut mit dem typischen saisonalen Vorkommen von Stechmücken. "Exotische" Mückenarten wurden bislang noch nicht gefunden.

Fazit


Auch wenn Niedersachsen derzeit bei den vektorassoziierten Erkrankungen nur von der Borreliose, Hantavirus-Erkrankungen und sehr vereinzelten FSME-Fällen betroffen ist, ist zu erwarten, dass zukünftig im Zuge der Auswirkungen des Klimawandels auch in Niedersachsen mit einer zunehmenden Zahl an importierten vektorübertragenen Krankheiten zu rechnen ist. Die Beratung von Reisenden insbesondere in Hinblick auf erforderliche Impfungen und Abwehrmaßnahmen, wie Schutz vor Insekten, sind die wesentlichen präventiven Maßnahmen. Das NLGA hält die Fortführung der Maßnahmen zur überwachung der vektorassoziierten Erkrankungen in Niedersachsen für sinnvoll, um epidemiologische Veränderungen zeitnah erkennen und kommunizieren zu können.


Verfasser/in:
Dr. Sylvia Olbrich

Roesebeckstraße 4-6, 30449 Hannover

Dr. rer. nat. Masyar Monazahian
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover
masyar.monazahian@nlga.niedersachsen.de;
Dr. med. Konrad Beyrer
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover
Konrad.Beyrer@nlga.niedersachsen.de
Dipl. Inform. Dr. re Johannes Dreesman, MSE
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover



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Literatur

[1] Frank C., Faber M., Hellenbrand W., Wilking H., Stark K.: Wichtige, durch Vektoren übertragene Infektionskrankheiten beim Menschen in Deutschland - Epidemiologische Aspekte. Bundesgesundheitsbl 2014, 57:557-567.

[2] Robert Koch-Institut: FSME: Risikogebiete in Deutschland (Stand: April 2014) Bewertung des örtlichen Erkrankungsrisikos. Epidemiol Bull 2014, 15:121-133.

[3] Krüger D., Ulrich R., Hofmann J.: Hantaviren als zoonotische Krankheitserreger in Deutschland. Dtsch Arztebl Int 2013; 110, 27-28: 461-467.

[4] Werner D., Kampen H.: The further spread of Aedes japonicus japonicus (Diptera, Culicidae) towards northern Germany. Parasitology Research 2013: 112, 10, 3665-3668.


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