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nä 09/2014
aktualisiert am: 15.09.2014

Atis informiert 

  arzneimittel

Relativ unbedenklich

Azathioprin in Schwangerschaft und Stillzeit


 

Anfrage an ATIS
Frau Dr. K., Fachärztin für Gynäkologie, fragt: "Dauertherapie mit Azathio­prin bei Morbus Crohn. Kürzlich dia­gnostizierte Schwangerschaft (7. SSW). Mit welchen Risiken muss bei Fortführung der Therapie in der Schwangerschaft und Stillzeit gerechnet werden?"

Antwort von ATIS

Schwangerschaft: Azathioprin wird zu 6-Mercaptopurin und nachfolgend zu verschiedenen Thioguanin-Nukleotiden metabolisiert, welche als Purin-Analoga immunsuppressiv wirken. Tierexperimentelle Studien mit Azathioprin in hoher parenteraler Dosis zeigten ein teratogenes und embryotoxisches Potential (1, 2). Bei Einnahme von Azathioprin während der Schwangerschaft sind dessen aktive Metabolite im fetalen Blutkreislauf und in der Amnionflüssigkeit nachweisbar (2, 3). Teratogene Effekte von Azathioprin beim Menschen wurden trotz jahrzehntelanger klinischer Erfahrung nicht nachgewiesen. Eine Auswertung der Daten des schwedischen Geburtsregisters deutete zwar auf ein leicht erhöhtes Risiko für Ventrikel- und Vorhofseptumdefekte hin, die Analyse von mehr als 2.000 Schwangerschaften unter Azathioprin Therapie konnte dieses Risikosignal aber nicht bestätigen (2-4).

Zu beachten sind mögliche fetotoxische Effekte. Nach Herstellerangaben wurde bei kombinierter Behandlung mit Azathioprin und Prednison über intrauterine Wachstumshemmung, vorzeitige Geburt und vorübergehende Beeinträchtigung der Immunreaktion des Neugeborenen berichtet. Daher wird eine engmaschige hämatologische überwachung der Mutter empfohlen, um das Auftreten einer Leukopenie und/oder Thrombozytopenie beim Neugeborenen zu verhindern (2, 3). Die postnatale Entwicklung von Kindern, deren Mütter wegen einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung während der gesamten Schwangerschaft mit Azathioprin oder Mercaptopurin behandelt wurden, untersuchte eine im Jahr 2013 publizierte Langzeit-Kohortenstudie. Es ergaben sich weder Hinweise auf Störungen des Immunsystems noch der körperlichen und psychosozialen Entwicklung (5).

Empfehlung:

- Azathioprin darf bei strenger Indikationsstellung und adäquater Therapiekontrolle durch den behandelnden Facharzt (im aktuellen Fall durch den Gastroenterologen) auch während der Schwangerschaft gegeben werden.
- Bei Weiterführung der Therapie sollte ein hoch auflösender Ultraschall zur Bestätigung der normalen Entwicklung des Ungeborenen erfolgen.
- Der Ausgang der Schwangerschaft sollte an das Pharmakovigilanz-Netzwerk des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeldet werden, z.B. über das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité in Berlin, erreichbar über http://www.embryotox.de.

Stillzeit: Die aktiven Azathioprin-Metabolite gehen nicht oder nur in geringen Mengen in die Muttermilch über und waren nicht im Blut gestillter Säuglinge, deren Mütter mit Azathioprin behandelt wurden, nachweisbar (6, 7). In den zugrundeliegenden Studien fanden sich auch keine Hinweise auf immunsuppressive oder andere unerwünschte Effekte von Aza­thioprin bei den Säuglingen, so dass die wissenschaftliche Risikobeurteilung nicht gegen das Stillen unter Azathioprin spricht. Ausgenommen von dieser Schlussfolgerung sind mangels ausreichender Daten Frühgeborene und Säuglinge mit Mutationen der Thiopurin-Methyltransferase (6, 7). Bei der individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung und dem Aufklärungsgespräch mit der Mutter sollte berücksichtigt werden, dass die Hersteller der verschiedenen Azathioprin-Präparate aus haftungsrechtlichen Gründen in den Fachinformationen zum Abstillen raten, falls eine Behandlung mit Azathioprin unumgänglich ist (2).

Verfasser/in:
Ruxandra Sabau
Apothekerin


PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



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Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.

Literatur
Gelman CR, Rumack BH & Hess AJ (Eds): MICROMEDEX® Arzneimittel-Information, DRUGDEX® System, Inc., Englewood, Colorado, 2014
Fachinformationen zu Azathioprin. Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2014
Schäfer C, Spielmann H, Vetter K. Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit; 8. Auflage, Urban & Fischer Verlag, Stuttgart, 2012
Datenbank des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie Charité. Universitätsmedizin Berlin. https://www.embryotox.de/wirkstoffe.html
de Meij TG, Jharap B, Kneepkens CM, van Bodegraven AA, de Boer NK; Dutch Initiative on Crohn and Colitis. Long-term follow-up of children exposed intrauterine to maternal thiopurine therapy during pregnancy in females with inflammatory bowel disease. Aliment Pharmacol Ther 2013; 38: 38-43
Sau A, Clarke S, Bass J, Kaiser A, Marinaki A, Nelson-Piercy C. Azathioprine and breastfeeding: is it safe? BJOG 2007; 114: 498-501
Sammaritano LR, Bermas BL. Rheumatoid arthritis medications and lactation. Curr Opin Rheumatol 2014; 26: 354-60


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