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nä 05/2017
aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Klinik und Praxis

Meldepflichtige Infektionskrankheiten bei Asylsuchenden – Eine Bilanz für 2016


 



Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


 

In der zweiten Jahreshälfte 2015 ist die Zahl der nach Deutschland eingereisten Personen erheblich angestiegen. Für den Infektionsschutz stellte sich unter anderem die Frage, ob die Zunahme an Asylsuchenden zu einer Einschleppung von Infektionskrankheiten, die in Deutschland sonst sehr selten oder gar nicht auftreten, führen könnte. Um hierzu im Rahmen der Infektionssurveillance gezielte Informationen zu erhalten, wird seit Oktober 2015 bei allen nach Infektionsschutzgesetz gemeldeten Erkrankungen durch die Gesundheitsämter erhoben, ob es sich bei der erkrankten Person um eine asylsuchende Person handelt. Bei dem Vergleich der Meldezahlen von Asylsuchenden mit den gesamten Meldezahlen (Tabelle 1) fällt auf, dass mehr als die Hälfte der übermittelten Masernmeldungen und mehr als ein Viertel der Tuberkulosemeldungen auf diese Gruppe entfielen. Bei den anderen Erkrankungen war der Anteil deutlich geringer. Eine Einschleppung von seltenen Erkrankungen zeigte sich nicht.
Die beengte Wohnsituation in Flüchtlingsunterkünften ist allerdings mit einem erhöhten Risiko für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verbunden. Außerdem sind viele Personen von den Bedingungen auf der Flucht geschwächt und damit anfälliger. Eine nicht mehr adäquat funktionierende Gesundheitsversorgung in den Herkunftsländern führt darüber hinaus zu Impflücken, insbesondere bei Kindern. In vielen afrikanischen Ländern kommen Windpocken viel seltener vor als in Europa, sodass je nach Herkunftsland auch bei Erwachsenen oft keine erworbene Immunität gegen Windpocken vorhanden ist. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass es zu einigen Erkrankungshäufungen in Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende kam (Tabelle 2).

Masern


Die Masernelimination ist erklärtes Gesundheitsziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem sich auch Deutschland angeschlossen hat [1]. Deshalb unterliegen in Niedersachsen Maserninfektionen einer intensivierten überwachung. Auf Grundlage eines bereits 2007 vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) herausgegebenen Masern-Leitfadens wurde eine zusätzliche Managementempfehlung für Masernausbrüche in Gemeinschaftsunterkünften für Asylsuchende entwickelt, die bei den Masernfällen zur Anwendung kam. Die notwendigen Maßnahmen sind für Massenunterkünfte mit einem erheblichen organisatorischen Aufwand verbunden, zum Beispiel wenn Erkrankte und Kontaktpersonen isoliert werden müssen. Dazu kommen logistische Probleme bei der Verteilung der Asylsuchenden, wenn Zu- und Abverlegungen zeitweise in mehreren Aufnahmeeinrichtungen gleichzeitig untersagt werden müssen.

Ein Maserngeschehen sei hier exemplarisch geschildert: Im Juli 2016 erkrankte ein Kind (K), das erst zwei Tage zuvor von einer Erstaufnahmeeinrichtung (EAE1) in eine andere (EAE2) verlegt worden war, an Masern. In der aufnehmenden EAE2 war der überwiegende Teil der Bewohner kurz zuvor vom Gesundheitsamt geimpft worden. Die Personen, die gemeinsam mit K angekommen waren, wurden sofort isoliert und geimpft. Ein Geschwisterkind erkrankte. Da sich K aber während der infektiösen Phase in der EAE1 aufgehalten hatte, mussten auch in dieser Maßnahmen ergriffen werden. Weil sich die Kontakte von K nachträglich nicht mehr präzise feststellen ließen, mussten alle Bewohner von EAE1 als ansteckungsverdächtig angesehen werden. Von diesen waren 186 bereits weiter verteilt worden, 61 davon in andere Bundesländer. Alle Landkreise und kreisfreien Städte, in die Kontaktpersonen verteilt worden waren, wurden vom zuständigen Gesundheitsamt über das Risiko einer Maserninfektion der verlegten Personen informiert. Weitere 81 Kontaktpersonen hatten sich nur vorübergehend zur Durchführung einer Untersuchung in EAE1 aufgehalten und befanden sich bereits in kommunaler Unterbringung. Hierunter waren Kinder, die bereits Schulen und Kindergärten besuchten, sodass sich entsprechende Besuchsverbote ergaben.

Das gehäufte Auftreten impfpräventabler Erkrankungen (zum Beispiel Windpocken, Masern) bei Asylsuchenden unterstreicht die Bedeutung von möglichst frühzeitigen Impfungen aller asylsuchenden Personen gemäß den Empfehlungen der ständigen Impfkommission (STIKO). Eine fortgesetzte übertragung dieser Erkrankungen außerhalb von Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge, insbesondere in Schulen und Kindergärten, dürfte aufgrund der guten Masern- und Windpockendurchimpfung der eingeschulten Kinder [2] eine Ausnahme bleiben.

Tuberkulose


Besondere Aufmerksamkeit sollte auf die Tuberkulose gerichtet werden. In einigen der Herkunftsländer sind die Tuberkuloseinzidenzen sehr hoch (Tabelle 3). Im Meldesystem wird der Anlass der Diagnose einer behandlungsbedürftigen Tuberkulose mit erfasst. Der häufigste übermittelte Diagnoseanlass bei Asylsuchenden ist mit 56 Fällen die gezielte Untersuchung symptomatischer Personen. In Folge der Röntgen-Thorax-Untersuchung (RTU), die nach Paragraph 36 Infektionsschutzgesetz für alle in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge aufgenommenen Personen vorgeschrieben ist, wurden 37 Fälle diagnostiziert. Acht behandlungsbedürftige Tuberkulosefälle wurden im Rahmen sogenannter "Umgebungsuntersuchungen" bei Kontaktpersonen von Erkrankten identifiziert. Latente Tuberkulosen werden bei der vorgeschriebenen RTU, die lediglich eine Momentaufnahme darstellt, nicht erkannt [4]. Durch Reaktivierungen können sich noch mehrere Jahre nach der Ankunft behandlungsbedürftige und ansteckungsfähige Tuberkuloseerkrankungen entwickeln [5].

Fazit

- Ein guter Zugang der Geflüchteten zur medizinischen Versorgung und eine hohe Wachsamkeit der behandelnden Ärzte sind von großer Bedeutung, um nachhaltig einem Anstieg von Tuberkuloseerkrankungen in Deutschland entgegen zu wirken [4;6].
- Eine Einschleppung von seltenen Erkrankungen zeigte sich nicht.
- Um Ausbrüchen von impfpräventablen Erkrankungen wie Windpocken und Masern in Gemeinschaftsunterkünften vorzubeugen, ist ein umfassender Impfschutz von Bewohnern, Personal und ehrenamtlichen Helfern sehr wichtig.

Verfasser/in:
Dr. med. Dagmar Ziehm, MPH
Nieders. Landesgesundheitsamt
Roesebeckstr. 4 bis 6, 30449 Hannover
dagmar.ziehm@nlga.niedersachsen.de


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Literatur

[1] Nationaler Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland: http://www.gmkonline.de/ documents/Aktionsplan_Masern_Roeteln_2.pdf (Abrufdatum: 23.02.2017)
[2] Impfreport des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts (NLGA): Durchimpfung von Kindern im Einschulungsalter in Niedersachsen-Erhebungsjahrgang 2015. Download: http://www.nlga.niedersachsen.de/gesundheitsberichterstattung/gesundheitsberichte/impfreport/basisberichte-19385.html (Abrufdatum: 23.02.2017)
[3] WHO, Table A4.1TB, GLOBAL TUBERCULOSIS REPORT 2016 incidence estimates, 2015
http://www.who.int/tb/publications/global_report/gtbr2016_annex4.pdf?ua=1 (Abrufdatum 23.02.2017)
[4] Schönfeld N. Tuberkulose bei Geflüchteten - was Sie beachten sollten; PNEUMONEWS. 2016; 8 (7S)
[5] Aldridge RW, Zenner D, White PJ, Williamson EJ, Muzyamba MC, Dhavan P, Mosca D, Thomas HL, Lalor MK, Abubakar I, Hayward AC. Tuberculosis in migrants moving from high-incidence to low-incidence countries: a population-based cohort study of 519 955 migrants screened before entry to England, Wales, and Northern Ireland; Lancet 2016; 388: 2510-18
[6] Khan K, Hirji MM, Miniota J, et al. Domestic impact of tuberculosis screening among new immigrants to Ontario, Canada. CMAJ: Canadian Medical Association Journal. 2015;187(16):E473-E481. doi:10.1503/cmaj.150011.


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