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aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Klinik und Praxis

Medizin in der Dienstleistungsgesellschaft: Wandel und Kontinuität


 


Dienstleistungen sind wissensbasierte Leistungen, die bei unterschiedlichem Kenntnisstand mit verschiedenen Interessen gegen Bezahlung ausgeführt werden. Wenn Arzt und Krankenhaus zu Leistungsanbietern und Patienten zu Nachfragern und Leistungsempfängern werden, ändert sich nicht nur die Sprache, sondern auch der Inhalt ärztlicher Tätigkeit, und der Stellenwert ökonomischer Argumente wird gewichtiger. Mit dem übergang vom traditionellen "Dienen" der ärztlichen Berufsordnung zum Arzt als "Dienstleister" verändern sich aber auch die Rahmenbedingungen, das heißt die Finanzierungs-, Prozess- und Kontrollmodalitäten.

Neue Finanzierungsmodelle (zum Beispiel Fallpauschalen) führen einerseits zu besserer Vergleichs- und Messbarkeit medizinischer Leistungen, bieten aber auch Anreize für fragliche Fallzahlensteigerungen. Externe Qualitätskontrollen sowie Evaluationen und Vorgaben des Gemeinsamen Bundessausschusses gehen einher mit Standardisierung in Form von Leitlinien, Richtlinien und Qualitätsindikatoren, führen aber auch zur weiteren Spezialisierung der Krankenhäuser bis hin zur Aufgabe wohnortnaher Einrichtungen. Krankenversicherungen werden zu insolvenzfähigen Unternehmen und reorganisieren sich in Gesundheits-Servicezentren. Darüber hinaus verändern die Kommunikation durch soziale Medien und digitale Dienste sowie der Einsatz von Algorithmen und Robotern in Pflege und Medizin den ärztlichen Entscheidungsprozess.

Patienten wie Ärzte werden durch diesen Wandel verunsichert wie herausgefordert. So kommt es einerseits vermehrt zu Konflikten um die Behandlung, die dann vor ärztlichen Schlichtungsstellen oder Gerichten verhandelt werden. Andererseits fordern Patienten aber auch Diagnostik und Therapien ein, die die Grenze zur Wunschmedizin berühren oder überschreiten. Das wirft einerseits die Frage nach der Gewährleistung (zum Beispiel in der ästhetischen Chirurgie) auf, zum anderen wird die medizinische Indikationsstellung hinterfragt.

In diesem sich wandelnden Umfeld verbleiben jedoch auch Kontinuitäten. So wirken die rechtlichen Grundlagen tendenziell stabilisierend wie beispielsweise der Arztvorbehalt für viele Versorgungsbereiche oder die ärztliche Schweigepflicht. Nach dem Behandlungsvertrag zwischen Arzt und Patient schuldet der Arzt eine Behandlung nach dem sogenannten Facharztstandard, er schuldet dem Patienten aber keinen (positiven) Erfolg, das heißt es besteht in der Regel keine Gewährleistungspflicht wie in einem Werkvertrag. Auch die ärztliche Professionsethik und die Berufsordnung bieten einen verlässlichen Rahmen für moralisch adäquates Handeln.

Die Herausforderung für Ärzte liegt darin, Wandel und Kontinuität zu vereinen. So stellt sich die Frage, wie die professionsethischen Grundsätze im Kern auch heute beibehalten werden können. Hier braucht es geeignete Anreize, Unterstützung und Fortbildung. Um Kommunikationsdefizite zu beheben, eine häufige Ursache für Konflikte, sind Fortbildung wie auch ein gesprächsförderndes Vergütungssystem notwendig. Gleichzeitig muss aber gesellschaftlich neu ausgehandelt werden: Was erwartet die Gesellschaft von der ärztlichen Profession? Was ist sie bereit zuzugestehen und wo will sie mehr Kontrolle? Dieser - aus historischer Perspektive - übliche Prozess sollte seitens der Ärzteschaft konstruktiv, ideenreich und offen angegangen werden.

Verfasser/in:
Dr. med. Andrea Dörries
Zentrum für Gesundheitsethik (ZfG)
Knochenhauerstraße 33, 30159 Hannover
andrea.doerries@evlka.de
Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Lipp
Zentrum für Medizinrecht




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