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nä 05/2017
aktualisiert am: 15.05.2017

 

  Praxis & Versorgung

Aus digital wird normal

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt zu – ein komplexer Prozess, der noch viele Fragen offen lässt. Der 13. „Zwischenahner Dialog“ am 23. und 24. März wagte ein paar Ausblicke auf die Zukunft.


 

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen nimmt zu und wird nutzenbringende Möglichkeiten für die Gesundheitsversorgung bereithalten, ist sich Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen e. V., sicher. Kernfrage sei die Datensicherheit. Wie können etwa elektronische Rezepte kontrolliert werden? Was passiert, wenn ein E-Rezept verloren geht? Für Groeneveld steht an oberster Stelle: Der Patient muss Herr seiner Daten bleiben. Es gelte auch, die Schweigepflicht von Arzt und Apotheker digital abzubilden.

Dr. Franz-Joseph Bartmann, Unfallchirurg und Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer, machte fehlende finanzielle Anreize und Angst vor mehr Transparenz als Ursachen dafür aus, dass digitale Anwendungen zu zögerlich in Arztpraxen und Apotheken ankommen. Womöglich werde eher die steigende Nachfrage der Patienten nach Telematik-Anwendungen die Digitalisierung im Gesundheitswesen beschleunigen. Den elektronischen Medikationsplan würden viele Patienten schon heute mit einer Erinnerungsfunktion verknüpfen.

"Ärzte werden zu Unrecht als innovationsfeindlich bezeichnet", so Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Es herrsche aber Skepsis, wie man in die Prozesse eingebunden wird und wer die Kosten trägt. Keineswegs sei für Ärzte gesichert, ob sich Investitionen in die Technik auf Dauer refinanzierten, beispielsweise die Videosprechstunde. Zudem mangele es an standardisierten Schnittstellen. Bislang gebe es keinen Anbieter und Zertifizierer, um eine End-zu-End-Verschlüsselung eines Videogesprächs zu gewährleisten.

Jan Seeger, Mitglied der Geschäftsführung der AOK Niedersachsen, setzte einen ähnlichen Akzent. Für ihn geht es mittlerweile darum, aus vielen Insellösungen ein Gesamtbild zu schaffen. Julia Hagen, Referentin für Health und Pharma bei Bitkom, rechnet mit einem jährlichen Einsparpotenzial in Höhe von Milliarden Euro, wenn alle Akteure besser vernetzt zusammenarbeiten würden, zum Beispiel durch weniger Doppelverordnungen und Krankenhauseinweisungen bei mehr Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Auch sie setzt darauf, dass die Patienten digitale Dienste befürworten und selbst nutzen - sie müssten aber Herren ihrer Daten bleiben.

Das Internet ist als Quelle für Gesundheitsinformationen nicht mehr wegzudenken. Doch das hat auch Schattenseiten. Dr. Thomas Otte, Facharzt für HNO-Heilkunde, schätzt, dass er mittlerweile 20 Prozent seiner Beratungszeit damit verbringt, gegen "Dr. Google" anzureden. Ärzte und Apotheker müssten daher in Zukunft noch stärker in ihrer Rolle als Berater werden. Wichtigstes und höchstes Gut der Arzt-Patienten-Beziehung sei das Vertrauen.

Angesichts der rasanten Entwicklung sei der Blick selbst in die nahe Zukunft schwierig, erklärte Sven Tollmien, Mitglied der Geschäftsleitung der Zukunftsagentur "Trend One". Trotzdem stellte Tollmien fünf Thesen auf: 1. Die Digitalisierung öffnet den Gesundheitsmarkt, nicht nur für große Konzerne, sondern auch für viele Start-ups. 2. Technologie wird Prozesse unterstützen - zum Beispiel könne virtuelle Realität mit einer Datenbrille Patienten bei schmerzhaften Eingriffen helfen. 3. Die Leistung und der Leistungsort entkoppeln sich. So gibt es bereits ein kleines Dialysegerät für den Hausgebrauch, digital verbunden mit dem Arzt. 4. Der Patient muss weiterhin im Vordergrund stehen. 5. Roboter und künstliche Intelligenz sind die neuen Kollegen, zum Beispiel in einem belgischen Krankenhaus, wo ein Roboter Patienten im Krankenhausflur begleitet.

Werden dadurch der Arzt- und der Apothekerberuf aussterben? Wohl kaum, folgerte der LAV-Vorstandsvorsitzende Berend Groeneveld zum Schluss. Technisch zwar sei es zum "Tricorder", dem legendären Diagnose-Gerät von Raumschiff Enterprise, nicht mehr weit. Doch auch in den fernsten Galaxien sei mit Dr. McCoy immer ein Heilberufler mit an Bord gewesen.

Verfasser/in:

KVN




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