Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Berliner Allee 20
30175 Hannover
info@haeverlag.de
nä 10/2017
aktualisiert am: 16.10.2017

 

  Humanitäre Hilfe

Auch Ärzte an Bord – Fahren für Solidarität und Integration in Europa

Die Biker-Brummi-Hilfe liefert Spenden nach Rumänien


 


Sonntagnachmittag, 21. Mai 2017: Anfahrt nach Bissendorf bei Hannover. Vierundzwanzig 40-Tonnen-LKWs treffen sich, vollgeladen mit Spendengütern. Aufgeladen ist alles, was im Krankenhaus gebraucht wird: vom Bett über Großküchen-Gerätschaft, aber auch Ultraschall-Gerät und Röntgenanlage. Schwerpunkt der Lieferung: die Kinderversorgung. Aufgeladen sind daher auch Schulmöbel, Einrichtung und Maschinen für eine Lehrwerkstatt, Elektrogeräte und Handwerkzeug, nagelneu, gespendet von einem Großhandel. Ein Team von 52 Aktiven unter Leitung von Dr. Hermann Munzel, Nervenarzt, Berufskraft- und Motorradfahrer sowie Fahrer des Führungs-LKW, kommt beim Baustoffhandel und Fuhrunternehmen Butenhoff zusammen, um unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments am Folgetag den 16. Spendentransport des kleinen Hilfswerks "Biker-Brummi-Hilfe (BBH) e. V." zu fünf Städten in Rumänien zu starten.

2003 - damals noch firmierend als Eurobiker - startete diese gemeinnützige Hilfe des in den Folgejahren zu einer tatkräftigen Nichtregierungsorganisation (NGO) gewachsenen Vereins von "Motorradfahrenden Fuhrunternehmern und ihren Freunden", einem Netzwerk von Motorradfahrern aus verschiedenen Ländern, seine Aktionen zur Unterstützung von Krankenhäusern und anderen Sozialeinrichtungen in Ländern im Osten und Südosten Europas. Mit einer auf einem Motorrad transportierten kleinen Kiste mit Impfstoffen für ein Kinderhilfswerk in St. Petersburg fing alles an, in diesem Jahr dann die 24 LKW-Züge. Jedes Mal stehen die Transporte mit dem Motto "Solidarität und Integration in Europa" unter der Schirmherrschaft hoher politisch tätiger Persönlichkeiten oder Vereinigungen, in den letzten Jahren besonders des Europäischen Parlaments, aber auch von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Außenminister und heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier oder der Bundeskanzlerin.

"Es ist für uns ein Anliegen, auch NGO-Aktivitäten wie die unseres kleinen Netzwerks als Signal für eine europäische Gemeinschaft in die Köpfe der Menschen zu bekommen. In Europa ist eben nicht alles so, wie wir uns das vorstellen und wünschen - die Unterstützung von namhaften Politikerinnen und Politikern, hochstehenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder den höchsten europäischen Instanzen zeigt aber auch, dass sich was ändern soll und muss," so Munzel, der im Oktober 2016 vom Bundespräsidenten in Berlin für sein herausragendes Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

In der Tat hat das europäische Wirken in einigen Ländern in Osteuropa die Wirklichkeit nicht erreicht: Zwar werden Unterstützungen gewährt, die Strukturen beziehungsweise eine Kultur für gemeinschaftliches Handeln und Wirken hingegen existiert nicht oder nur in Ansätzen. Munzel erzählt: "Als wir 2014 bei unserem Transport in den südlichen Balkan in Albanien vom Staatspräsidenten Edi Rama für ein schließlich anderthalb Stunden dauerndes Gespräch empfangen wurden, sagte er: ´Wenn wie bei uns über 40 Jahre unter der Herrschaft eines Diktators der ´freiwillige´ Ernteeinsatz alljährlich angeordnet wurde, dann verliert sich die Kultur des Solidarischen, der Gemeinschaft. Die Leute wissen nicht mehr, was Gemeinschaft bedeutet, handeln nur noch für sich, von Tag zu Tag neu.´"

Im diesjährigen Konvoi war eine Gemeinschaft von Frauen und Männern aus allen Bereichen des Alltags dabei, fast ein Jahr haben sie die Spenden aus ganz Deutschland von Krankenhäusern, Praxen, Schulen und Firmen gesammelt und im Lager in der Nähe von Bremen eingelagert. Der bereits verstorbene langjährige Bremer Bürgermeister Hans Koschnik, in den 90er Jahren EU-Administrator in Mostar, hatte die BBH auch als "NGO der 2. Welle" benannt, und so sehen sich die Akteure auch. Man fährt nicht bei Kriegsgeschehen in Krisengebiete, wohl aber wird Hilfe geleistet beim (Wieder-)Aufbau von Gemeinschaftsstrukturen. Der kosovarische Botschafter a.D. Dr. Vilson Mirdita sagte dazu in einem Dokumentarfilm: "Du kannst nur aus einer funktionierenden Gemeinschaft heraus eine solch gewaltige Hilfe für eine andere Gemeinschaft leisten." Und weiter: "Als Mitfahrer habe ich diese Gruppe erlebt wie eine Familie, es ist unglaublich."

In Rumänien gab es auch einige Probleme: Die wenig entwickelte Gemeinschaft dort forderte die Aktiven zu viel Improvisation und Spontan-Management auf, dennoch war die Dankbarkeit groß. In Alba Iulia (Karlsburg) gab sich beim gespendeten Abendessen die Feuerwehr-Kapelle mit einem Ständchen die Ehre, in Viseu de Sus (Oberwischau) wurde ein kompletter Abend als Fest gestaltet und nach dem Abladen der Spenden in einem sonst völlig heruntergekommenen Krankenhaus am nächsten Tag mit der ältesten historischen Eisenbahn Europas ein Ausflug veranstaltet. Westlich von Brasov (Kronstadt) kamen die rumänischen Motorradfahrer dazu, nachdem vorher nur deutsche und einige aus der Schweiz und vom Balkan dabei waren. Alle zusammen halfen beim Abladen, darunter natürlich auch helfende Hände aus dem Zielort Cristian (Neustadt), unter ihnen der rumänisch-katholische Bischof.

Fagaras (Fugarasch) und Timisoara (Temeschwar) als Zielorte für die letzten Ladungen bildeten den Abschluss der Spendentour. Viele hatten geholfen, die Botschaft und der deutsche Generalkonsul, die sogenannten Foren (Vertretungen der deutschen Minderheiten vor Ort), einzelne Firmen, Verbände und Einzelpersonen in Deutschland und selbstverständlich die Krankenhäuser. "Es war anstrengend, aber die Dankbarkeit war groß", freut sich Munzel. Dankbarkeit sei etwas, das in der alltäglichen Arbeit und deren Würdigung fast verloren gegangen sei, wobei man sehr wohl so gut wie möglich und viel Hilfe leistet, man aber oft nur als Kostenverursacher und Wirtschaftsgut gesehen werde. "Es ist schön zu sehen, wie im Verlauf der Tour die Mitglieder und Akteure immer mehr zu einer harmonischen Gruppe zusammengewachsen sind. Als wir in Timisoara als Großgruppe mit den LKWs und Begleitfahrzeugen auf die Autobahn aufgefahren sind, funktionierte das total fließend und jeder wusste, was er zu tun hatte in diesem Konvoi von 2,5 km Länge", resümiert Munzel.

2018 geht es wieder in den südlichen Balkan, die sogenannten Scouting-Touren finden Ende Oktober und November statt. Munzel und drei Begleiter reisen dann zu den Zielorten, werden von Mitgliedern der dortigen Motorradclubs unterstützt, sprechen mit Krankenhaus-Chefs, Bürgermeistern und Präfekten, damit gewährleistet ist, dass auch alle Spenden dort ankommen, wo sie hingehen sollen. Außerdem spricht man darüber, 2019 eventuell in Kooperation mit der Niedersächsischen Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" ein Projekt für die Ukraine zu organisieren, wo die Motorradgemeinschaft 2006 bereits als erster Motorradclub vor Ort war.

Verfasser/in:

Biker-Brummi-Hilfe e. V.




inhalt 10/ 17
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Weitere Informationen: http://www.bb-hilfe.de


Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2017. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 16.10.2017.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung