Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Berliner Allee 20
30175 Hannover
info@haeverlag.de
nä 10/2017
aktualisiert am: 16.10.2017

 

  Arzneimittel & Veror

Interaktionspotential von Granatapfel

Vorsicht bei Medikamenteneinnahme


 

Anfrage an ATIS
Frau Dr. Z., Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, betreut einen Patienten mit immunsuppressiver Medikation. Die Kollegin fragt: "Haben granatapfelhaltige Produkte einen klinisch-relevanten Einfluss auf die Konzentration von Ciclosporin, Tacrolimus, Everolimus oder Sirolimus?"

Antwort von ATIS
Die präsystemische wie auch die endgültige Elimination von Ciclosporin, Tacrolimus, Everolimus und Sirolimus ist hauptsächlich abhängig vom Cytochrom P450-Isoenzym (CYP) 3A4, welches diese Medikamente in der Darmwand und der Leber metabolisiert (1). In vitro und im Tiermodell hemmen granatapfelhaltige Produkte das intestinale und hepatische CYP 3A4 (2). Diese Ergebnisse sind jedoch auf den Menschen nicht übertragbar: In vier pharmakokinetischen Studien an gesunden Probanden wurde übereinstimmend keine klinisch relevante Hemmung von CYP 3A4 durch Granatapfel nachgewiesen (3-6). Untersucht wurde dabei der Einfluss von Granatapfelsaft in Mengen zwischen 240 ml und 900 ml täglich auf die Plasmakonzentrationen von Simvastatin bzw. Midazolam, welche sensitive Markersubstrate für den CYP 3A4-Stoffwechsel sind; als positive Kontrolle diente meist Grapefruitsaft (3, 5, 6). Interaktionsstudien zwischen o.g. Immunsuppressiva und granatapfelhaltigen Produkten existieren derzeit nicht. In einem Fallbericht wurde bei einem Patienten nach Herztransplantation eine schwankende Tacrolimus-Konzentration nach Genuss von Fruchteis beobachtet (7). Granatapfel war eine von mehreren Früchten im Eis, Mengenangaben waren nicht eruierbar, sodass ein Kausalzusammenhang zu Granatapfel fraglich erscheint.

Empfehlung

Auch wenn durch klinische Studien CYP 3A4-abhängige Wechselwirkungen von granatapfelhaltigen Produkten ausgeschlossen wurden, ist Vorsicht empfohlen, da andere Interaktionsmechanismen möglich sind und direkte Interaktionsstudien mit den in der Anfrage aufgeführten Immunsuppressiva fehlen. Bei Therapie mit Ciclosporin, Tacrolimus, Everolimus oder Sirolimus spricht nichts gegen den Verzehr von granatapfelhaltigen Lebensmitteln im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung; wir raten jedoch davon ab, Granatapfel-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel oder in übermäßigen Mengen zu konsumieren.

Kommentar

Granatapfelhaltige Produkte werden zur Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus und Krebs angepriesen. Es handelt sich dabei nicht um zugelassene Medikamente, sondern um Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel. Ein Wirksamkeitsnachweis liegt nicht vor.

Die im Granatapfel enthaltenen Polyphenole und Flavonoide zeigen in präklinischen Untersuchungen antioxidative, antientzündliche und antimikrobielle Effekte (2). Bezüglich des Metabolismus von Medikamenten wurden in vitro und im Tierversuch außer der Hemmung von CYP 3A4 auch die Hemmung von intestinalem CYP 2C9, hepatischen Sulfotransferasen und P-Glykoprotein beschrieben (2). Diese präklinische Pharmakologie liefert wichtige Hypothesen, die aber in klinischen Studien überprüft werden müssen. Für CYP 2C9 abhängige Wechselwirkungen liegt eine aussagekräftige klinische Studie vor, die keinen Einfluss von Granatapfelsaft bzw. einem Granatapfelextrakt auf den Metabolismus von Flurbiprofen als CYP 2C9 Markersubstrat ergab (8). Die anderen Interaktionsmechanismen sind bezüglich der klinischen Relevanz nicht untersucht. Zwei Fallberichte belegen einen wahrscheinlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Trinken von mehreren Litern Granatapfelsaft pro Woche und einer Wirkungsverstärkung von Warfarin (9, 10). Es lohnt daher, bei der Pharmakotherapie gezielt nach der Verwendung von Granatapfel-Produkten nachzufragen. Gegebenenfalls sollte geraten werden, deren Verzehr zu begrenzen; auf Nahrungsergänzungsmittel mit Granatapfel sollte verzichtet werden.

Verfasser/in:
Nick Daether-Kracke



PD Dr. med. Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover



inhalt 10/ 17
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Literatur

1. Fachinformation; Fachinfo CD, BPI Service GmbH 2017
2. Nuggehally RS. Is pomegrante juice a potential perpetrator of clinical drug-drug interactions? Review of the in vitro, preclinical and clinical evidence. Eur J Drug Metab Pharmacokin 2013; 38: 223-229
3. Farkas D, Oleson LE, Zhao Y et al. Pomegranate juice does not impair clearance of oral or intravenous midazolam, a probe for cytochrome P450-3A activity: comparison with grapefruit juice. J Clin Pharmacol 2007; 47: 286-94
4. Misaka S, Nakamura R, Uchida S. Effect of 2 weeks´ consumption of pomegranate juice on the pharmacokinetics of a single dose of midazolam: an open-label, randomized, single-center, 2-period crossover study in healthy japanese volunteers. Clinical Therapeutics 2011; 33: 246-252
5. Park SJ, Yeo CW, Shim EJ et al. Pomegranate juice does not affect the disposition of simvastatin in healthy subjects. Eur J Drug Metab Pharmacokinet 2016; 41: 339-344
6. Abdlekawy KS, Donia AM, Elbarbry F. Effects of grapefruit and pomegranate juices on the pharmacokinetic properties of dapoxetine and midazolam in healthy subjects. Eur J Drug Metab Pharmacokinet 2017; 42: 397-405
7. Khuu T, Hickey A, Deng MC. Pomegranate-containing products and tacrolimus: a potential interaction. J Heart Lung Transplant 2013; 32: 272-274
8. Hanley MJ, Masse G, Harmatz JS, Court MH, Greenblatt DJ. Pomegranate juice and pomegranate extract do not impair oral clearance of flurbiprofen in human volunteers: divergence from in vitro results. Clin Pharmacol Ther 2012; 92: 651-7
9. Komperda KE. Potential interaction between pomegranate juice and warfarin. Pharmacotherapy 2009; 29: 1002-6
10. Jarvis S, Li C, Bogle RG. Possible interaction between pomegranate juice and warfarin. Emerg Med J 2010; 27: 74-5


Kontakt zu ATIS


Alle Anfragen zur Arzneimitteltherapie können auf folgendem Wege an ATIS gestellt werden: Vorzugsweise per Fax: 0511 380-100 3462. Telefon: 0511 380-3222. Postanschrift: KV Niedersachsen, z.H. Frau Dr. Friederike Laidig, Berliner Allee 22, 30175 Hannover. Die ATIS-Homepage mit elektronischem Anfrageformular ist im KVN-Mitgliederportal unter Verordnungen > Arzneimittel > therapeutische Informationen zu finden. Wir bitten aus organisatorischen Gründen, Anfragen an die genannte KVN-Adresse zu richten. Ihre Anfrage wird dann entweder dort direkt beantwortet oder an das Institut für Klinische Pharmakologie der MHH weitergeleitet.


Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2017. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 16.10.2017.
Design by webmaster[at]haeverlag[punkt]de, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung