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nä 06/2018
aktualisiert am: 15.06.2018

 

  Politik

Einflussreiche Delegation

Die Abgeordneten der Ärztekammer Niedersachsen prägten die Debatte auf dem 121. Deutschen Ärztetag entscheidend mit


 


Mit 20 Delegierten und weiteren Ersatzdelegierten war die niedersächsische Ärzteschaft vom 8. bis 11. Mai auf dem 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt vertreten. Die Niedersachsen brachten entscheidende Anträge zu wichtigen berufspolitischen Themen in die Debatte ein - zum Beispiel zu den Themen Medizinstudienplätze, Deutsches Staatsexamen für Ärzte aus Drittstaaten, Fernbehandlung, (Muster-)Weiterbildungsordnung sowie zu den geforderten Änderungen am Paragrafen 219a des Strafgesetzbuches.

Eröffnet wurde der Deutsche Ärztetag in der Multifunktionsarena "Steigerwaldstadion" im Beisein von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sowie dem Oberbürgermeister der Stadt Erfurt, Andreas Bausewein. Am Nachmittag nach der feierlichen Eröffnung trafen sich die 250 ärztlichen Abgeordneten aus ganz Deutschland in der Halle 1 der Messe Erfurt zur viertägigen Plenarsitzung. Bereits am ersten Tag der Veranstaltung schaltete sich die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. med. Martina Wenker, in die Debatte zum Thema "Qualifikation von Ärzten aus Drittstaaten" ein und forderte als Zulassungsvoraussetzung neben der Fachsprachprüfung eine medizinische Prüfung analog zum Deutschen Staatsexamen.

"Es gibt ein Mindestmaß an ärztlichen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ich von jedem erwarte, der hier in Deutschland als Arzt oder Ärztin arbeiten möchte - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Tausende von Medizinstudenten bestehen jedes Jahr unsere Staatsexamina. Das garantiert eine ärztliche Versorgung auf dem gewohnten Niveau. Hier dürfen wir keine Abstriche zulassen, das sind wir unseren Patienten schuldig", so die Präsidentin. In einem weiteren Redebeitrag berichtete sie anhand von anschaulichen Beispielen von erfolgreichen Tätigkeiten aus Drittstaaten eingewanderter Ärzte, aber auch von Fällen mit prekären Defiziten und resümierte: "Wir brauchen ein zügiges, ein transparentes, ein faires, ein rechtssicheres und ein bundeseinheitliches Verfahren! Das ist das Staatsexamen!"

Prüfung analog zum deutschen Staatsexamen für ärztliche Bewerber aus Drittstaaten


Diese Forderung wurde im weiteren Verlauf vom 121. Deutschen Ärztetag positiv aufgenommen und mündete in der Forderung an die Bundesregierung, Ärzte aus Drittstaaten zu einer Prüfung - analog zum deutschen Staatsexamen - zu verpflichten. "Der Nachweis, dass die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten vorliegen, soll durch das Ablegen einer bundeseinheitlichen Prüfung - analog zum 3. Abschnitt des ärztlichen Staatsexamens - gewährleistet werden", führte Dr. Wenker in einer entsprechenden Presseerklärung aus. "Es geht hier um die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten - da lasse ich keine Abstriche zu", betonte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer.

Der Deutsche Ärztetag forderte außerdem die Bundesländer auf, die Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe zeitnah umfassend auszubauen, sodass alle Anträge auf Anerkennung ärztlicher Grundausbildungen zentral und bundeseinheitlich vollständig bearbeitet und fristgerecht beschieden werden können. "Dies ist ein wichtiger Schritt und eine wirksame Maßnahme, um einen möglichen Approbationstourismus zu unterbinden", sagte Wenker. "Diese Reformen des Anerkennungsverfahrens müssen nun zügig in Gang gebracht werden!"

Reform des Medizinstudiums und mehr Medizinstudienplätze gefordert


Ebenfalls auf eine in Niedersachsen gestartete Initiative hin mahnten die Abgeordneten des 121. Deutschen Ärztetages eine schnelle Reform des Medizinstudiums an. Vor dem Hintergrund des grassierenden Ärztemangels forderten sie die Bundesländer auf, die finanziellen Mittel für eine Erhöhung der Zahl der Studienplätze in der Humanmedizin um bundesweit mindestens zehn Prozent bereitzustellen. Seit der Wiedervereinigung habe die Zahl der Medizinstudienplätze gravierend abgenommen. "Die Versorgung der immer älter und kränker werdenden Bevölkerung braucht dringend mehr Ärztinnen und Ärzte", so der Ärztetag.

Weiteren Änderungsbedarf sehen die Abgeordneten bei den Auswahlverfahren zum Medizinstudium. So forderte der Ärztetag Bund und Länder auf, bei der nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil von Anfang des Jahres notwendigen Neuregelung der Zulassung zum Medizinstudium die berufliche Vorprägung der Bewerber besonders in den Blick zu nehmen. Es sollte ein bundesweit einheitliches Verfahren eingeführt werden, in das die Abiturnote sowie die Ergebnisse eines einheitlichen schriftlichen Tests und eines standardisierten Assesementverfahrens zu je einem Drittel einfließen. Neben Abschlüssen in medizinischen Fachberufen sei auch eine mindestens einjährige Pflegezeit in Anstellung unter den Bedingungen des Tarifvertrages für Pflegepersonal als Vorbereitung auf das Medizinstudium anzuerkennen.

121. Deutscher Ärztetag: Grünes Licht für ausschließliche Fernbehandlung


Nach intensiver Beteiligung niedersächsischer Delegierter an der Diskussion um das Thema Fernbehandlung beschloss der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt am 10. Mai mit überwältigender Mehrheit eine Neufassung des § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärzte. Damit ebneten die Delegierten den berufsrechtlichen Weg für die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten. "Die Fernbehandlung sollte an die Niederlassung in einer Praxis gebunden werden", forderte der niedersächsische Delegierte Dr. med. Thomas C. Stiller in der Diskussion.

In einer Entschließung betonte der Ärztetag darüber hinaus die Notwendigkeit, Beratungen und Behandlungen aus der Ferne in die bestehenden Versorgungsstrukturen einzubinden. Die Abgeordneten des Ärztetags sprachen sich damit gegen den Aufbau eines neuen eigenständigen Versorgungsbereichs einer telemedizinischen Primärversorgung aus, insbesondere in Form kommerziell betriebener Callcenter. Der entsprechende Entschließungsantrag war von den Delegierten der Ärztekammer Niedersachsen eingereicht worden. Ebenfalls angenommen wurde ein Beschlussantrag, den die niedersächsischen Delegierten Jens Wagenknecht (Vorstandsmitglied), Ruben Bernau und Marion Charlotte Renneberg (Vizepräsidentin) neben Dr. Norbert Metke aus der Landesärztekammer Baden-Württemberg eingereicht hatten. Demnach wird der Vorstand der Bundesärztekammer aufgefordert, "in den weiteren Beratungen zur Ausgestaltung des neu gefassten § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung (MBO) sicherzustellen, dass die weiterbehandelnde Ärztin oder der weiterbehandelnde Arzt über die stattgehabte Beratung und Behandlung zu informieren ist."

Die in Erfurt verabschiedeten Neuregelungen entsprechen den Forderungen des letztjährigen Deutschen Ärztetages in Freiburg, einerseits die Behandlung und Beratung aus der Ferne unter bestimmten Anforderungen zu ermöglichen und andererseits den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt weiterhin in den Vordergrund zu stellen. "Wir wollen und müssen diesen Prozess gestalten und dieses Feld mit unserer ärztlichen Kompetenz besetzen", sagte Dr. Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der Bundesärztekammer, vor den 250 Abgeordneten des Deutschen Ärztetages. Mischo stellte klar, dass digitale Techniken die ärztliche Tätigkeit unterstützen sollen. Sie dürften aber nicht die notwendige persönliche Zuwendung von Ärztinnen und Ärzten ersetzen. "Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt stellt weiterhin den ´Goldstandard´ ärztlichen Handelns dar", betonte Mischo. Eine ausschließliche Fernbehandlung liegt dann vor, wenn eine ärztliche Beratung oder Behandlung stattfindet, ohne dass zumindest ein persönlicher physischer Kontakt zwischen Arzt und Patient stattgefunden hat. Der geänderte § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung lautet:

"Ärztinnen und Ärzte beraten und behandeln Patientinnen und Patienten im persönlichen Kontakt. Sie können dabei Kommunikationsmedien unterstützend einsetzen. Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird."

Nach der in Erfurt beschlossenen Änderung des § 7 Absatz 4 der (Muster-)Berufsordnung ist der nächste Schritt die übernahme dieser Regelung in die rechtsverbindlichen Berufsordnungen der Landesärztekammern. In Niedersachsen wird die Regelung voraussichtlich am 1. Dezember 2018 in Kraft treten.

Ärztetag beschließt neue Weiterbildungsordnung


Mit großer Mehrheit hat der 121. Deutsche Ärztetag die Gesamtnovelle der (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) beschlossen. Die MWBO ist die Vorlage für die rechtlich verbindlichen Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern. Ziel der Gesamt-Novelle ist eine kompetenzbasierte Weiterbildung zur Verbesserung der Weiterbildungsqualität. "Inhalte statt Zeiten", so brachte Dr. Franz Bartmann die wesentliche Neuerung der Weiterbildungsreform auf den Punkt. "Die Kernfrage lautet nicht mehr, wie oft und in welcher Zeit wurden Inhalte erbracht, sondern wie und in welcher Form werden Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten erworben", sagte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundesärztekammer (BÄK).

Die erworbenen Kompetenzen werden künftig in vier Kategorien bescheinigt: Inhalte, die der Weiterzubildende zu beschreiben hat; Inhalte, die er systematisch einordnen und erklären soll, sowie Fertigkeiten, die er unter Supervision und solche, die er selbstverantwortlich durchführt. Zur Abstimmung standen die Präambel, die Ziel und Zweck der ärztlichen Weiterbildung definiert, sowie der Paragrafenteil, der die rechtlichen Vorgaben der Weiterbildung beschreibt. Außerdem haben die Abgeordneten über die Allgemeinen Inhalte der Weiterbildung entschieden, also die übergreifenden Kompetenzen, die jeder Arzt erwerben muss - wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung je nach Fachgebiet. In den Allgemeinen Inhalten werden die ärztlichen Haltungen und Rollen näher beschrieben, wie ärztliche Gesprächsführung, Managementaufgaben, interkollegiale und interprofessionelle Zusammenarbeit; insgesamt wird ein großer Wert auf patientenbezogene Tätigkeiten gelegt.
Der Ärztetag hat darüber hinaus über den sogenannten Kopfteil der Zusatz-Weiterbildungen der MWBO abgestimmt. Die Delegierten haben unter anderem entschieden, welche Zusatz-Bezeichnungen zukünftig Teil der ärztlichen Weiterbildung werden. Außerdem wurden die Voraussetzungen und Mindestzeiten für deren Erwerb festgelegt werden. Nicht entschieden hat der Ärztetag hingegen über die Inhalte der Zusatz-Weiterbildungen. Diese soll der BÄK-Vorstand auf der Grundlage dessen beschließen, was die Weiterbildungsgremien der BÄK in enger Abstimmung mit den Fachgesellschaften und Berufsverbänden sowie den Landesärztekammern erarbeiten. Mit den Weiterbildungsinhalten der Fachgebiete war der Ärztetag im vergangenen Jahr ebenso verfahren.

Ärztetag votiert gegen die Streichung von Paragraf 219a StGB


Der Deutsche Ärztetag hat sich gegen eine Streichung oder Einschränkung des in § 219a StGB kodifizierten Werbeverbotes für Abtreibungen ausgesprochen, mahnt aber maßvolle Änderungen an, damit sichergestellt wird, dass Ärztinnen und Ärzte, die innerhalb dieses Rahmens über ihre Bereitschaft informieren, gesetzlich zulässige Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, nicht bestraft werden.
Gefordert wird eine Stärkung der neutralen Information, der individuellen Beratung und der Hilfeleistung für Frauen in Konfliktsituationen. "Ärztinnen und Ärzte in Praxen und Kliniken benötigten Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, sich Zeit für die individuelle Beratung ratsuchender Frauen zu nehmen", heißt es in der mit großer Mehrheit angenommen Entschließung. Darüber hinaus seien die in Deutschland entwickelten Strukturen mit qualifizierten Beratungsstellen und Hilfsangeboten weiter zu fördern und, wo erforderlich, auszubauen. Der Entscheidung der Frau über den Abbruch müsse eine ergebnisoffene und unabhängige Beratung vorausgehen, die von geeigneten Hilfsangeboten begleitet werde, so der Ärztetag.

In der vorangegangenen Debatte warb unter anderem der niedersächsische Delegierte Dr. med. Christian Albring, Präsident des Bundesverbandes der Frauenärzte, für die Abschaffung der Strafbarkeit einer sachlichen Information über die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Arztpraxen und andere ärztliche Einrichtungen. Durch sachliche Informationen über Schwangerschaftsabbrüche werde das auf den Lebensschutz ausgerichtete Beratungsmodell der §§ 218 ff. StGB nicht gefährdet. Das Angebot an die betroffenen Frauen, sich unbeschränkt über die Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs informieren zu können, unterstützte im Gegenteil eine informierte und abgewogene Entscheidung der Frauen und diene damit dem Lebensschutz.
Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Störungen stärker beachten

Am zweiten Plenartag wurde in drei Referaten die Versorgungssituation insbesondere erwachsener Patientinnen und Patienten sektorenübergreifend aus psychosomatischer, hausärztlicher und psychiatrischer Perspektive dargestellt. Im ersten Vortrag legte Professor Dr. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die besondere gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Versorgung psychischer Störungen dar. Professor Dr. Jochen Gensichen, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, ging auf die Betreuung von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in der hausärztlichen Versorgung ein. Gerade Depression, Angst- und Panikstörungen sowie somatoforme Störungen wiesen eine hohe Prävalenz in der Hausarztpraxis auf. Auf die Schnittstellen zwischen den Versorgungsbereichen sowie auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit in sektorenübergreifenden, integrativen Versorgungsmodellen ging Dr. Iris Hauth, Ärztliche Direktorin und Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph Krankenhauses Berlin Weißensee, ein.

Die Referenten und später auch Abgeordnete des 121. Deutschen Ärztetages wiesen darauf hin, dass psychische und psychosomatische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, somatoforme Störungen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit zu den häufigsten, aber hinsichtlich ihrer individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung zumeist unterschätzten Erkrankungen zählen. Sie würden immer mehr zu einer Herausforderung für die Gesundheitsversorgung. Etwa ein Drittel der Bevölkerung sei jedes Jahr von ihnen betroffen - unabhängig von Alter oder sozialem Status. Dabei würden psychische Erkrankungen immenses menschliches Leid und auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursachen. In einer Entschließung forderte das Ärzteparlament den Gesetzgeber sowie die Institutionen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen auf, sich stärker für die besonderen Bedürfnisse und Interessen von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen einzusetzen.

Die Abgeordneten hoben in der Aussprache unter anderem die Kompetenz der spezifisch ärztlichen Form der Behandlung psychisch Kranker hervor. Sie liege vor allem darin, ein individuelles, somatische wie psychische Aspekte integrierendes Gesamtkonzept für den einzelnen Patienten anbieten zu können. Dies sei umso wichtiger, da psychische Erkrankungen häufig mit behandlungsbedürftigen somatischen Erkrankungen einhergehen und sich beide wechselseitig sogar noch verstärken können.

"Vor diesem Hintergrund warnte der Deutsche Ärztetag davor, das bestehende Versorgungsmodell mit ärztlichen und nicht ärztlichen Angeboten im Rahmen der Novellierung des Psychotherapeutengesetzes aufzuspalten. Notwendig sei auch die Weiterentwicklung des stationären Vergütungssystems in den Bereichen Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie eine differenzierte und leistungsgerechte Erfassung und Finanzierung auch der ambulanten fachärztlichen Leistungen in diesen Bereichen. Der Ärztetag sprach sich zudem für eine differenzierte, eigenständige Bedarfsplanung im ambulanten Bereich für die Fachgebiete Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie aus", fasst die ÄKN-Vizepräsidentin Marion Charlotte Renneberg zusammen.

Um Stigmatisierung entgegenzuwirken, forderte der Deutsche Ärztetag die Bundesregierung sowie die Landesregierungen auf, Gesetzesvorhaben zu stoppen, die eine gesonderte Speicherung der Daten psychisch Kranker zum Inhalt haben.

Bessere Prävention gefordert


Der 121. Deutsche Ärztetag hat eine Reihe von Entschließungen verabschiedet, die auf eine bessere Gesundheitsprävention abzielen. So werden die Bundesländer aufgefordert, im Schulunterricht Gesundheitserziehung in den Lehrplan aufzunehmen. Der Ärztetag stellte mit Besorgnis fest, dass weiterhin 15,4 Prozent der Kinder übergewichtig und allein 5,9 Prozent adipös sind. Er forderte daher die Bundesregierung auf, geeignete gesetzgeberische Maßnahmen der Besteuerung und Lebensmittelkennzeichnung zu ergreifen, um den Verzehr ungesunder Lebensmittel, insbesondere durch Kinder und Jugendliche, zu reduzieren.

Zudem plädierte das Ärzteparlament für eine sogenannte Ampel (Lebensmittelkennzeichnung) auf Lebensmittelverpackungen. Nährwertangaben müssten klar und verständlich sein - und zwar auf einen Blick. Eine Ampelkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen könne für jeden leicht und verständlich den Gehalt an gesundheitsrelevanten Nährstoffen signalisieren, wie zum Beispiel an Fetten, gesättigten Fettsäuren und Zucker. Darüber hinaus hat der 121. Deutsche Ärztetag einen nationalen Diabetesplan für Deutschland gefordert, um eine systematische Strategie für die Verbesserung von Prävention, Therapie und Forschung zu Diabetes zu entwickeln. "Nur eine umfassende bundesweite Strategie bildet eine adäquate Reaktion auf die immer weiter ansteigende Prävalenz des Diabetes, die immer noch zu hohe Dunkelziffer an nicht diagnostizierten Fällen, die notwendigen Verbesserungen an den Schnittstellen der Versorgungsstrukturen sowie die steigenden Behandlungskosten", heißt es in der Entschließung. Die diabetologische Versorgung an den Schnittstellen zwischen hausärztlicher, fachärztlicher, stationärer und rehabilitativer Versorgung sollte auf der Basis eines Kriterienkatalogs erfolgen.

Pro Widerspruchslösung zur Organspende


Der 121. Deutsche Ärztetag 2018 hat sich für die Einführung der Widerspruchslösung zur Organspende ausgesprochen und den Gesetzgeber aufgefordert, das Transplantationsgesetz (TPG) entsprechend zu ändern. Es könne von jeder Bürgerin und jedem Bürger nach der gesetzlich in § 2 Abs. 1 TPG geregelten Aufklärung durch die Krankenkassen erwartet werden, dass sie sich mit der Problematik auseinandersetzen und im Falle einer tatsächlichen Ablehnung ihr NEIN zur Organspende formulieren, heißt es in der Entschließung.

Die niedersächsische Delegation auf dem 121. Deutschen Ärztetag fand sich am Abend des ersten Eröffnungstages zum traditionellen Niedersachsenabend zusammen. In diesem Jahr hieß die Präsidentin Dr. med. Martina Wenker auch zahlreiche Journalisten und geladene Gäste aus den Verbänden sowie anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens willkommen. Das Palmenhaus in der Erfurter Altstadt mit seiner eindrucksvollen Jugendstil-Architektur, erbaut im Jahr 1888, bot dafür das passende Ambiente. Das neue Format der Veranstaltung, welches vertiefende berufspolitische Gespräche in ruhigem Rahmen und kollegialen Austausch abseits der Plenarsitzung ermöglichte, fand allseits großen Zuspruch bei Gästen und Delegierten der ÄKN.


"So nah und doch so fern"

Ein Kommentar zur Liberalisierung des Fernbehandlungsverbotes von Dr. med. Thomas Carl Stiller, Delegierter der ÄKN und Stellvertretender Vorsitzender der Ausschüsse Sektorenübergreifende Versorgung sowie Qualität und Management:

"Die Beschlüsse des Deutschen Ärztetages zur Liberalisierung des Fernbehandlungsverbotes modernisieren und erweitern die Behandlungsmethoden der deutschen Ärzteschaft. Sie sind aber kein Freibrief für kommerzielle Call Center Medizin. Die Debatte zur Liberalisierung des Freibehandlungsverbotes zeigte deutlich den realistischen Umgang mit den Möglichkeiten. Der Goldstandard wird auch weiterhin die direkte Arzt-Patientbeziehung mit allen fünf Sinnen sein. Im Ausschuss "Sektor übergreifende Versorgung" der Ärztekammer Niedersachsen ist zu der Thematik ein Positionspapier entwickelt worden. Die Sorgen und Bedenken gerade vieler Niedergelassener wurden im Ausschuss intensiv thematisiert und flossen dann auch in zwei Anträge zum Deutschen Ärztetag ein.

Ein Antrag forderte ein "Diskriminierungsverbot" von Patienten, welches impliziert, dass der Patient über die Inanspruchnahme eines telemedizinischen Angebots frei entscheiden können muss. Diese Freiheit gilt es aber auch in dem Sinne abzusichern, dass ein Patient, der einen ausschließlichen persönlichen Patientenkontakt bevorzugt, nicht von Kostenträgern oder Versorgungsstrukturen benachteiligt wird. Der zweite Antrag forderte eine Einbindung von Fernbehandlungen in die bestehenden Versorgungsstrukturen. Hier wird die Notwendigkeit betont, Beratungen und Behandlungen aus der Ferne in die bestehenden Versorgungsstrukturen einzubinden. Dieser Antrag sprach sich gegen den Aufbau eines neuen eigenständigen Versorgungsbereichs einer telemedizinischen Primärversorgung, insbesondere in Form kommerziell betriebener Call-Center aus, in welchem die Gefahr unabgestimmter Schnittstellen mit Informationsverlust besteht. Fernbehandlungen müssen daher in die vertragsärztliche Versorgung integriert und aus ihr heraus entwickelt werden. Beide Anträge wurden von den Delegierten einstimmig angenommen und sorgen mit dafür, dass wir als Ärzteschaft sinnvoll und nachhaltig die neuen Versorgungswege antreten und gestalten."




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Zustimmung zur novellierten MWBO ist ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg, eine neue kompetenzbasierte ärztliche Weiterbildung in Deutschland zu etablieren

Ein Kommentar von ÄKN-Vorstandsmitglied Dr. med. Gisbert Voigt, der seit Jahren sehr aktiv an der Novellierung der MWBO mitwirkt
Die fast einstimmige Zustimmung der Delegierten auf dem 121. DÄT in Erfurt zur novellierten MWBO der BÄK ist ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg, eine neue kompetenzbasierte ärztliche Weiterbildung in Deutschland zu etablieren. Die Danksagungen an den Vorsitzenden der Weiterbildungsgremien der BÄK, Kollegen Dr. Franz Bartmann aus Schleswig-Holstein, sowie an das zuständige Dezernat der BÄK waren umfangreich und zweifellos angesichts der großen Kraftanstrengung in den vergangenen Monaten mehr als berechtigt. Gefehlt hat mir eine Danksagung an die vielen Kolleginnen und Kollegen aus den Landesärztekammern, die in ihren Gremien den Entwurf der MWBO vorberaten und konsentiert haben. Ich möchte daher an dieser Stelle ausdrücklich unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem WBA der Kammerversammlung dafür danken, dass sie diesen Prozess so intensiv mit begleitet haben. Mein besonderer Dank geht dabei an Herrn Schwinn, der als Abteilungsleiter viele kooperative Aufgaben übernommen hat.

Im Wesentlichen hat der 121.DÄT in Erfurt zum Teil C, also den Zusatzweiterbildungen, diskutiert. Eine erneute Diskussion der Kopfteile im Teil B ( Gebiete und Schwerpunkte) sowie zu den Inhalten des Teils B wurde durch Nichtbefassung aller dazu gestellten Anträge verhindert. Dies mag aus pragmatischen Gründen sinnvoll gewesen sein, eine vertiefte inhaltliche Diskussion wird dieses Vorgehen jedoch nicht verhindern, zumal der 121.DÄT nur die sogenannten Kopfteile der Abschnitte B und C verabschiedet hat. Der Sprengstoff liegt jedoch eher in den Inhalten. Ich möchte an dieser Stelle schon einmal vorsorglich darauf hinweisen, dass wir bei der Umsetzung der MWBO in Landesrecht nicht nur die Kopfteile, sondern auch die Inhalte in der Kammerversammlung beschließen. Ärgerlicher Begleiteffekt dieser Abstimmungspraxis war, dass ein auch aus Niedersachsen intendierter Antrag auf Implementierung der psychosomatischen Grundversorgung in das Gebiet Kinder- und Jugendmedizin scheiterte.

Als wichtiges Zwischenergebnis der Diskussion zum Teil C kann jedoch positiv aus niedersächsischer Sicht festgehalten werden, dass auf Antrag auch unserer Delegierten die ZWB Phlebologie berufsbegleitend erhalten wurde und auch die ZWB Psychotherapie wie ZWB Palliativmedizin in gleicher Weise erreichbar bleiben. Daneben sind als neue Bezeichnungen jeweils in zweiter Lesung sowohl die spezielle Kinderurologie und Sexualmedizin eingeführt worden. Neu in die MWBO aufgenommen sind auch die ZWB Ernährungsmedizin und Spezielle Kardiologie für Erwachsene mit angeborenen Herzerkrankungen. Einen Gesamtüberblick kann man sich auf der Webseite http://121.daet.baek.de verschaffen.

Ein zentrales Element bei der Umsetzung der neuen WBO wird die Einführung eines bundesweit einheitlichen ELogbuchs sein. Erfreulich ist, dass der 121. DÄT dies auch mit großer Mehrheit gefordert hat und jetzt hoffentlich in Bälde unter Federführung der BÄK dieses Projekt weiter vorangetrieben wird.

Unverzichtbar für die Umsetzung der MWBO wird sein, jetzt in Zusammenarbeit mit den Fachgesellschaften für die jeweiligen Gebiete, Schwerpunkte sowie ZWB sogenannte "fachlich empfohlene Weiterbildungspläne" zu erstellen, die zu den jeweiligen Kompetenzblöcken die differenzierten Inhalte ausformulieren sollen.

Also, wir dürfen sehr zufrieden mit dem Ärztetags Beschluss sein. Wir dürfen sehr zufrieden sein, in welchem Umfang niedersächsische Delegierte auf dem 120. und 121. DÄT gestaltend eingegriffen haben. Wir dürfen jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass wir jetzt vor und nach der Umsetzung der MWBO in Landesrecht vor erheblicher Arbeit stehen, die nur geschultert werden kann, wenn wir unsere Weiterbildungsabteilung personell verstärken (Stichwort Kompetenzzentrum Weiterbildung) und vor allem unsere Ehrenamtler in den Gremien unvermindert mit dem gleichen Engagement wie zuvor daran mitwirken. Ich möchte jedoch noch einmal betonen: wir haben jetzt einen Rahmen beschlossen, wie die neue MWBO aussehen soll, dieser muss jetzt jedoch auch mit den gleichen Inhalten gefüllt werden.

Ich erwarte daher in den kommenden Monaten noch diverse kritische Auseinandersetzungen über die Inhalte der ZWBs im Teil C. Dabei wird es wichtig bleiben, diese Diskussion so zu führen, dass sich die Inhalte in der dann beschlossenen WBO der Landesärztekammern nicht (zu sehr) inhaltlich unterscheiden. Intensiver Diskussion bedarf es auch noch, wie im Detail eine berufsbegleitende Weiterbildung aussehen soll. Diese Arbeit muss zum Teil in den LÄK, vor allem jedoch in der SKO Weiterbildung der BÄK geleistet werden, um nicht einen Flickenteppich von unterschiedlichen Inhalten bei gleicher Bezeichnung zu bekommen. Wir befinden uns also in einem Entwicklungsprozess hin zu einer kompetenzbasierten Weiterbildung für alle Ärztinnen und Ärzte. Es gibt noch viel zu tun, packen wir es mit Optimismus und Mut an.



Stimmen aus Niedersachsen


Zum Thema "Duales Krankenversicherungssystem" in der Eröffnungsrede von Bundesärztekammer-Präsident Professor Dr. med. Frank Ulrich Montgomery - gerichtet an Professor Montgomery:

"Ich finde, wir müssen doch mal anerkennen, dass wir hier in diesem Plenum Mitglieder haben, die anderer Meinung sind, was das angeht... Und ich finde, es ist Ihre Aufgabe, dann auch zu sagen, dass es in der Ärzteschaft eine Gruppe gibt, die da eine andere Auffassung hat und die gerne über neue Wege im Versicherungswesen und auch in den Vergütungssystemen nachdenken will."

Verfasser/in:
Jörg Blume
Chefredakteur "niedersächsisches ärzteblatt"
Berliner Allee 20, 30175 Hannover



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