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nä 06/2018
aktualisiert am: 15.06.2018

 

  Arzneimittel & Veror

HPV-Prävalenzstudie 2017/18

Zu selten, zu spät, mit großen regionalen Unterschieden: Die HPV-Impfung hat sich noch nicht durchgesetzt. Niedersachsen nimmt bei der Durchimpfung nur einen Mittelplatz ein. Woran liegt es?


 

Seit Februar 2015 ist die HPV-Impfung mit dem Ziel, einen präventiven Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs aufzubauen, für 9-17-jährige Mädchen Teil des Leistungsbereichs der gesetzlichen Krankenversicherung. Dennoch setzt sich die Impfung nur zögernd durch. Das legen die Zahlen nahe, die das Robert-Koch-Institut im Epidemiologischen Bulletin 1/2018 veröffentlicht hat.

Auf das gesamte Bundesgebiet bezogen lag die Impfquote für eine vollständige Impfung bei 15-jährigen im Jahr 2011 bei 26,5 Prozent und stieg bis 2015 nur moderat an auf 31,3 Prozent im Jahr 2015. Dabei lagen die Impfquoten in den neuen Bundesländern mit rund 15-17 Prozent immer deutlich über den Werten der alten Bundesländer. So beliefen sich die Impfquoten in den neuen Bundesländern im Jahr 2015 auf 46,2 Prozent in den neuen und 29,1 Prozent in den alten Bundesländern. Niedersachsen liegt mit einer Impfquote von 32,8 Prozent im Ländervergleich im unteren Mittelfeld.

Mit wachsendem Alter zeigt sich auch eine zunehmende Rate vollständiger Impfungen: Liegt sie bei neunjährigen Mädchen bei 0,2 Prozent, so wächst sie bis auf 44,7 Prozent bei 17-jährigen an. Eine Impfserie begonnen, aber noch nicht zum Abschluss gebracht hatten 2-7 Prozent der neun- bis elfjährigen Mädchen, bei den Ältern waren es 13-19 Prozent. Da die Zahlen auf dem Erhebungszeitraum 2011 bis 2015 beruhen, waren die meisten Befragten noch nach dem Drei-Impfdosen-Schema geimpft. 2014 empfahl die STIKO nur noch zwei statt drei Impfdosen für eine vollständige Immunisierung.
Dass die Durchimpfungsraten im Ganzen dennoch unbefriedigend sind, hat verschiedene Gründe (siehe Interview). Die HPV-Impfung hatte bei einem Teil der Fachleute am Anfang eine schlechte Presse; bis heute grassiert die Furcht vor gravierenden Nebenwirkungen. Viele Ärzte beteiligen sich nicht an der Impfung oder am Impfen allgemein; die Krankenkassen haben wegen der hohen Kosten des Impfstoffes offenbar wenig Interesse, die Impfung auszuweiten. Dabei ist ihr Nutzen bei wenig Risiko mittlerweile erwiesen.

Infektionen mit dem sexuell übertragenen humanen Papillomvirus (HPV) sind die Auslöser für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs. In Deutschland erkranken jedes Jahr ca. ­4.600 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, jährlich versterben ca. 1.500 Frauen daran. Derzeit wird die "HPV-Prävalenzstudie 2017/18" durchgeführt, die erstmals eine populationsbasierte Schätzung der HPV-Impfeffektivität sowie der Impfeffekte auf die HPV-Prävalenz und -Typenverteilung für Deutschland erlauben soll. Ergebnisse sind für 2018 zu erwarten.

Eine Analyse von Daten des Finnischen Krebsregisters, die die Krebsinzidenz bei gegen HPV geimpften und nicht geimpften Frauen ermittelt, hat gezeigt: Bei den geimpften Frauen trat kein einziges invasives HPV-assoziiertes Karzinom auf, bei den nicht geimpften hingegen entwickelten sich acht HPV-assoziierte invasive Malignome pro 100.000 Frauen pro Jahr. Dies spricht für eine offenbar hohe Effektivität der HPV-Impfung.

HPV-Impfung für wen?


Die HPV-Impfung wird Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren angeboten. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Spätestens im Alter von 17 Jahren sollte eine versäumte Impfung nachgeholt werden. Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten über diese Altersgrenze hinaus. Es gibt Hinweise, dass die STIKO demnächst auch die HPV-Impfung für Jungen empfehlen wird. Um zu verhindern, dass sich junge Frauen mit HPV infizieren, soll die Impfung möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen werden.

Impfstoffe


Derzeit gibt es drei unterschiedliche HPV-Impfstoffe. Seit 2006 bzw. 2007 sind ein vierfacher Impfstoff, der gegen die HP-Virustypen 6, 11, 16 und 18 schützt - also gegen die Hauptverursacher des Gebärmutterhalskrebses, dessen Vorstufen und gegen Genitalwarzen - sowie ein zweifacher, der gegen Gebärmutterhalskrebs und dessen Vorstufen schützt, auf dem Markt. Seit April 2016 ist zudem ein neunfacher Impfstoff verfügbar, der eine Erweiterung des vierfachen darstellt und zusätzlich zu den dort genannten Virustypen gegen die HPV-Typen 31, 33, 45, 52 und 58 schützt. Der vierfache Impfstoff wird vermutlich nach einer gewissen übergangszeit vom Markt genommen.



Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherungen bei HPV-Impfung

Ersatzkassen
VersicherungMJBemerkung
HEK - Hanseatische KrankenkassejajaKostenerstattung ohne Altersbegrenzung
hkk KrankenkassejajaM: Kostenübernahme gemäß STIKO;
   J: 80 % Kostenerstattung zw. 9 und 15 Jahren
Techniker Krankenkassejanein100 % Kostenerstattung (abzgl. gesetzl.
   Zuzahlung für den Impfstoff) bis 26 Jahre
AOKen
AOK NiedersachsenjaneinKostenerstattung ohne Altersbegrenzung,
   Arzthonorar bis 2,3 GOÄ
Innungskrankenkassen
BIG direkt gesundjaneinKostenerstattung zwischen 9 und 25 Jahren
   100 % Impfstoffkosten, Hon. bis 2,3 GOÄ
IKK classicjaneinKostenübernahme bis 25 Jahre; 100 %
   Impfstoff, Arzthonorar lt. EBM
IKK Nordjanein100 % Kostenerstattung für den Impfstoff bis 26 Jahre
IKK Südwestjanein100 % Kostenerstattung ohne Altersbegrenzung
Betriebskrankenkassen
actimonda KrankenkassejaneinErstattung über das 18. Lebensjahr hinaus,
   wenn Impfserie vor dem 18. Geburtstag begonnen
atlas BKK ahlmannjaneinbis 26 Jahre bei ärztl. bestätigter Notwendigkeit
Audi BKKjanein100 % Kostenerstattung bis 26 Jahre
Bahn-BKKjajaKostenerstattung von 9 bis 19 Jahren
Bertelsmann BKKjaneinKostenerstattung in Höhe der Sachleistung bis 26 Jahren
BKK Aesculapstattung
BKK Akzo Nobel Bayernjanein90 % Kostenerstattung
BKK DürkoppAdlerjaneinKostenerstattung bis 25 Jahre bei Impfbudgets von 100 Euro
   je Kalenderjahr
BKK Ernst & YoungjaneinKostenerstattung bis 23 Jahre; 100 % Erstattung
   für den Impfstoff, Arzthonorar 1-fach GOÄ
BKK EUREGIOjaneinKostenerstattung bis 27 Jahre
BKK exklusivjaja100 % Kostenerstattung für den Impfstoff (ggf. abzgl.
   gesetzl. Zuzahlung), ärztl. Leistung max. 10,72 Euro
BKK firmusjaneinKostenerstattung bei ärztl. Verordnung
BKK Freudenbergjaja100 % Kostenerstattung ohne Altersbeschränkung bei
   ärztl. Empfehlung
BKK Gildemeister Seidensticker jajamax. 100 Euro je Kalenderjahr für alle ärztl. empfohlenen Impfungen
BKK Henschel Plusjaja80 % Kostenerstattung für den Impfstoff ohne Altersbeschränkung
BKK Herkulesjaja90 % Kostenerstattung bei ärztl. Empfehlung
BKK HMR (Herford Minden Ravensberg)janeinKostenerstattung bis 26 Jahre; Impfstoff zu 100 %,
   Arzthonorar bis 2,3fach GoÄ
BKK Mahlejanein100 % Kostenerstattung bis 26 Jahre bei mediz.
   Notwendigkeit; bei J im Einzelfall
BKK Melitta PlusjaneinKostenerstattung bis 26 Jahre; max. 150 Euro pro Jahr für
   verschiedene Impfungen (inkl. Arzthonorar), abzüglich
   der gesetzl. Zuzahlung
BKK MielejaneinKostenerstattung bis 26 Jahre
BKK Pfaffjaneinbei ärztl. Empfehlung
Ersatzkassen
VersicherungMJBemerkung
BKK PfalzjaneinKostenerstattung bei negativem
   Pap-Test ohne Altersbeschränkung
BKK RRW (BKK Rieker/Ricosta/Weisser)janeinohne Altersbegrenzung
BKK SBHjanein100 % Kostenerstattung bis 25 Jahre
BKK Scheufelenjaja100 % Kostenerstattung bis 26 Jahre für den Impfstoff
   Zuzahlung 10 % (mind. 5 Euro, max. 10 Euro)
BKK Technoformjajabei ärztl. Empfehlung
BKK VBUjajaErstattung des Impfstoffes und des ärztl. Honorars,
   Altersgruppe entsprechend der Zulassung des Impfstoffs
BKK VDNjaneinErstattung bis 26 Jahre; 80 %Impfstoffkosten
   abzgl. 10 % Zuzahlung (mind. 5 Euro und max. 10 Euro, entfällt
   unter 18 Jahren), ärztl. Honorar max. 22 Euro
BKK VerbundPlusjaneinErstattung der Impfstoffkosten zu 100 % bis 26 Jahre,
   ärztl. Leistung max. 8,10 Euro je Impfung
BKK Voralbjaja100 % Kostenerstattung für den Impfstoff,
   Arzthonorar gemäß EBM
BKK Wirtschaft & Finanzenjanein100 %Erstattung des Impfstoffes bis 25 Jahre
BKK24janeinKostenerstattung bei mediz. Notwendigkeit
BMW BKK janeinKostenerstattung bis 26 Jahre (ggf. abzgl. gesetzlicher
   Zuzahlung) bei Impfung durch Vertragsarzt gegen
   Originalrechnung
Bosch BKKjajabei ärztl. Empfehlung ohne Altersbegrenzung
Brandenburgische BKKjajaKostenübernahme zwischen 12 und 26 Jahren (abzügl.
   entgangener Rabatte und gesetzl. Zuzahlungen)
Continentale BKKjajabei ärztl. Empfehlung; max. zwei verschiedene
   Impfungen pro Jahr
Daimler BKKjaneinbei ärztl. Empfehlung Kostenerstattung ohne
   Altersbegrenzung
energie-BKKjajabei ärztl. Empfehlung Kostenerstattung ohne
   Altersbegrenzung
Heimat Krankenkasse jaja100 Euro je Kalenderjahr für ärztl. empfohlene
   Schutzimpfungen (inkl. Arzthonorar)
Merck BKKjak.A.in Einzelfällen
pronova BKKjaneinKostenerstattung ohne Altersbeschränkung; 100 %
   Impfstoffkosten und 100 % ärztl. Leistung (max. 15Euro)
R+V BKKjajaab 9 Jahren ohne Altersgrenze; Erstattung von 50 % der
   Impfstoffkosten (max. 80 Euro je Dosis), 14 Euro Arzthonorar
Salus BKKjanein100 % Kostenerstattung bis 26 Jahre
SBK (Siemens Betriebskrankenkasse)janeinKostenerstattung für Risikopersonen auch über
   das 18. Lebensjahr hinaus
SKD BKKjaneinbis 25 Jahre 100 % Kostenerstattung für den Impfstoff,
   ärztl. Leistung max. 1-fach GOÄ
Südzucker BKK janeinbis 26 Jahre bei ärztl. Bestätigung der Notwendigkeit
VIACTIV Krankenkassejanein100 % Kostenerstattung bis 17 Jahre
WMF BKKjanein100 % Kostenerstattung bei ärztl. Empfehlung


Quelle: http://www.impfkontrolle.de (ohne Gewähr auf Aktualität und Vollständigkeit)

Verfasser/in:

KVN




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"Wir müssen Impfhindernisse beseitigen"

Der Vorsitzende des Deutschen Gynäkologenverbandes, Dr. Christian Albring, im Gespräch über den Stand der HPV-Impfung
Herr Dr. Albring, die Durchimpfungsrate bei der HPV-Impfung ist allgemein relativ gering. Niedersachsen liegt nur im unteren Mittelfeld. Woran liegt das?
Albring: Die HPV-Impfung hatte schon einen schlechten Start. Als sie 2007 eingeführt wurde, wurde sie regelrecht schlechtgeredet. Renommierte Professoren machten dagegen mobil, vermeintliche Impfschäden wurden angeprangert, die sich nachher als etwas ganz anderes herausstellten. Das RKI hat das alles schon frühzeitig widerlegt, aber die Negativ-Schlagzeilen zur HPV-Impfung sind leider in den Köpfen geblieben.

Sprechen die Ärzte die Patientinnen und Eltern nicht direkt an?
Albring: Wir Gynäkologen sprechen die Mütter an. Aber da ist gegen die bestehenden Zweifel manchmal harte überzeugungsarbeit zu leisten. Und dann müssen immer beide Elternteile unterschreiben. Auch da kann es noch wieder zu einem Meinungsumschwung kommen. Und in anderen Ärztegruppen, die ja die Impfung auch vornehmen dürfen, wird für die HPV-Impfung wenig Werbung gemacht. Leider muss aber auch gesagt werden, dass längst nicht alle Ärzte impfen. Da gibt es ein deutliches Gefälle zwischen den alten und den neuen Bundesländern, das sieht man auch an anderen Impfungen. In den neuen Bundesländern sind die Durchimpfungsraten teilweise um ein Vielfaches höher als in den alten Bundesländern. Hinzu kommt, dass in manchen Bundesländern, so etwa Berlin, die Gynäkologen zuerst gar nicht impfen durften.

Ist das nicht bei der HPV-Impfung verhängnisvoll, weil hier nur ein kleines Zeitfenster für eine wirksame Impfung besteht?
Albring: Hier wurde und wird die Haltung der Krankenkassen oft falsch wiedergegeben. Es stimmt nicht, dass die Kassen die HPV-Impfung nur bis zum 14. Lebensjahr bezahlen. Viele bezahlen sie nicht nur bis zum 18. Lebensjahr, sondern auch darüber hinaus, die AOK sogar lebenslang. Das ist auch sinnvoll, denn wir wissen heute, dass auch in späteren Lebensjahren eine Impfung sinnvoll ist - z. B. bei einem neuen Partner - und eine hohe Immunantwort hervorruft.

Befürworten Sie die Impfung von Jungen?
Albring: Ja, unbedingt. Wir haben jetzt Studienergebnisse aus Australien vorliegen, wo auch die Jungen geimpft werden. Dort hat man festgestellt, dass seit Einführung der Impfung 90 Prozent der Krebsvorstufen nicht mehr auftreten.

Erweist es sich in der Praxis als hinderlich, dass in Niedersachsen der Impfstoff nicht als Sprechstundenbedarf bezogen werden kann?
Albring: Bei mir nicht. Unten im Haus ist eine Apotheke, bei Bedarf geht die Patientin oder ihre Mutter nach unten und kommt mit dem Impfstoff gleich wieder. Aber für viele Kollegen ist das ein Problem. Kaum hat man die Patientin von der Impfung überzeugt und schickt sie mit einem Rezept nach Hause, kommen wieder die Bedenken und das Grübeln. Dabei gibt es kaum Impfbeschwerden; deshalb haben wir auch wenig Impfabbrecherinnen. Wenn wir die erste Impfung vornehmen, vereinbaren wir gleich ein "Date" für die nächste Impfung. Wenn die Patientin dann nicht erscheint, haken meine Mitarbeiterinnen nach, damit die Impfung vollständig erfolgt.

Wie könnte man zu einer Steigerung der Impfraten kommen?
Albring: Wir müssen zum einen die Information über die HPV-Impfung verbessern, verbreitete Befürchtungen abbauen. Dann müssen wir Impfhindernisse beseitigen, in Niedersachsen etwa den Impfstoff als Praxisbedarf vorhalten lassen. Dann wäre es wesentlich einfacher, die Patientinnen zu überzeugen. Wir müssen die Ärzte auffordern, mehr zu impfen. Dafür müssten die Impfungen aber auch angemessen honoriert werden. 6,50 Euro wie derzeit sind einfach zu wenig, wenn man bedenkt, dass die Patientinnen nicht nur die Spritzen verabreicht bekommen, sondern noch 30 Minuten in der Praxis überwacht werden müssen. Aber dazu waren die Krankenkassen bislang nicht zu bewegen. Die haben an Impfungen vielfach gar kein Interesse.

Mit Dr. Albring sprach Dr. Uwe Köster


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