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nä 09/2018
aktualisiert am: 17.09.2018

 

  Glosse

Spahnende Geschichte

Das spahn’sche Gesetzesvorhaben wird in der Luft zerrissen. Warum eigentlich? Man muss diesen genialen Entwurf nur von der richtigen Seite betrachten


 



Zeit ist ein wertvolles Gut, besonders heutzutage. Daher will auch keiner mehr warten. Warten ist verschwendete Zeit. Experten haben ausgerechnet, dass wir 374 Tage im Leben mit Warten verbringen! Ein Skandal - mehr als ein Jahr eines Menschenlebens wird nutzlos durch Warten vertrödelt.

Keiner sage nun: "...und die Regierung tut nichts!" Falsch. Konsequenterweise hat sie in der ambulanten Versorgung Terminservicestellen installiert, damit zumindest die nach Behandlung trachtenden Patienten weniger lang warten müssen. Eine echte Großtat zur Reduktion des durch Warten verschleuderten Lebens.

Damit das alles noch effektiver wird, sollen die Ärzte künftig länger arbeiten. Jawohl, 25 Stunden Sprechzeiten in den Praxen, fünf Stunden mehr als die mageren 20, die bisher im Bundesmantelvertrag festgelegt sind. Das alles soll "Zweiklassenmedizin abbauen" und mehr Zeit für gesetzlich Versicherte schaffen. Da könnte man doch gleich die Privatpatienten abschaffen - dann würde sich die lästige Wartezeit weiter reduzieren: um 0,1 Tag beim Hausarzt, um unter einem Tag beim Facharzt! das wäre doch ein spa(h)nnender Vorschlag für unseren Gesundheitsminister! übrigens: Dass die Mehrarbeitszeit der Ärzte sogar vergütet werden soll, können die Krankenkassenverbände bislang nicht nachvollziehen.

Ich habe lange überlegt, was der Antrieb des Bundesgesundheitsministers Spahn ist, uns in schneller Folge mit solchen neuen faszinierenden Ideen zu beglücken. Ich war schon drauf und dran festzustellen, dass er den Koalitionsvertrag schneller abarbeitet als sein Vorgänger Gröhe und dabei die Gesundheitsexperten der SPD locker links überholt. Man könnte fast meinen, der Mann strebt nach Höherem. Doch wahrscheinlich tue ich ihm Unrecht.

Arbeitspsychologen fordern nämlich die 25 Stundenwoche, da sich das Gehirn nachweislich nicht mehr als 5 Stunden/Tag konzentrieren könne. Das bedeutet, die Spahn´schen 25 Sprechstunden sind in Wahrheit eine Obergrenze - er sagt es nur nicht so deutlich!

Nach fünf Stunden am Tag nimmt wegen unseres dann eintretenden Konzentrationsmangels die Patientensicherheit drastisch ab. Und so hat unser wendiger Gesundheitsminister glatt einen Geniestreich hingelegt: Fünf Stunden mehr Sprechstunden, die eigentlich ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Patientensicherheit sind.

Damit wächst der ärztlichen Selbstverwaltung eine neue, verantwortungsvolle Aufgabe zu. Die KVen haben als Körperschaften des öffentlichen Rechts künftig darauf hinzuwirken, dass diese 25 Stunden im Interesse der Patientensicherheit von den Kolleginnen und Kollegen keinesfalls überschritten werden! Entsprechende Kontrollmechanismen sind schleunigst zu installieren! Das einfachste wäre, nach der vollständigen Anbindung aller Praxen an die Telematikinfrastruktur ein Gadget in die Praxissoftware einzuspielen, dass die Anlagen nach 5 Stunden/Tag automatisch herunterfährt. Anhand der Abrechnung werden die KVen künftig darüber wachen, dass wir auf keinen Fall zuviel arbeiten.

überhaupt: "Terminservice- und Versorgungsgesetz" - was für ein ungeschickter, sperriger Name für eine gesetzgeberische Großtat. Das geplante Gesetz sollte konsequenterweise in "Patientenschutzgesetz" umbenannt werden. Oder auch "Mediziner-Motivations-Gesetz". Denn wegen der unzweifelhaft eintretenden besseren Work-Life-Balance wird in Zukunft die junge Ärztegeneration wieder mit Freude und Elan in die Niederlassung strömen. Und mancher "alter Hase" wird vor neu aufkeimender Freude an seinem Beruf seinen Ruhestand noch um ein paar Jährchen weiter nach hinten schieben.

Wer hätte das gedacht? Dieses Gesetz ist in Wahrheit genial, löst es doch mehrere Probleme auf einmal. Nicht zuletzt übrigens das Ärgernis der langen Wartezeiten: Wenn Praxen künftig nur noch fünf Stunden am Tag geöffnet sind, brauchen Patienten auch weniger Zeit im Wartezimmer zu verbringen. Den Rest regelt dann die Telemedizin.

Lieber Herr Bundesgesundheitsminister, vielen Dank für diesen Quantensprung in der Fortentwicklung der ambulanten Versorgung in Deutschland.

Verfasser/in:
Dr. Thorsten Kleinschmidt
Vorsitzender des Sicherstellungsausschusses der KVN, Bezirksausschusssprecher KVN-Bez. Braunschweig




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