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nä 10/2018
aktualisiert am: 15.10.2018

 

  Selbstverwaltung

„Hier kann ich die Dinge beeinflussen“

Mit 47 Jahren vom Chefarztposten in die Hausarztmedizin – das ist ungewöhnlich. Dr. Roger Kuhn hat den Schritt gewagt. Mit besserer Unterstützung, meint er, würden mehr Ärzte seinem Beispiel folgen


 


nä: Herr Dr. Kuhn, mit 47 Jahren sind Sie Weiterbildungsassistenz in einer hausärztlichen Praxis. Was war denn das für ein Lebenslauf?
Dr. Kuhn: Ein normaler ärztlicher Lebenslauf - 1992 bis 1998 Medizinstudium in Magdeburg, dort Weiterbildung in der Allgemein- und Viszeralchirurgie, dann Facharzt, Oberarzt und Habilitation und Ernennung zum Privatdozent. 2011 ging ich für ein Jahr als Chefarzt an das Marienhospital in Bottrop, danach wechselte ich, um näher an der Heimat zu sein, an das Klinikum Gifhorn als Chefarzt der Chirurgie. Die letzten vier Jahre war ich dort gleichzeitig ärztlicher Direktor.

nä: Warum dann der Wechsel in die ambulante Versorgung?
Dr. Kuhn: Da kamen persönliche und berufliche Gründe zusammen. Zum einen hatte ich den Eindruck, dass den Chirurgen die Selbstbestimmung immer mehr aus der Hand genommen wird. Man darf nicht mehr alles operieren, auch wenn man die Ausbildung dafür hat und mit Erfolg operiert hat. Es wird zunehmend zentralisiert - bestimmte Operationen, die jetzt noch in der Breite durchgeführt werden, werden künftig wohl nur noch in einzelnen Kliniken vorgenommen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, etwa Bauchspeicheldrüsen-Op´s zu zentralisieren, aber die möglichen Tendenzen Schilddrüsen-, Magen- oder Darmkrebs nur noch in sog. Zentren operieren zu lassen, ist fragwürdig. Denn das entspricht nicht den Erfordernissen der Versorgung und nicht dem Anspruch, den Chirurgen an sich selbst haben. Und persönlich nehme ich auch eine wachsende ökonomisierung der Medizin wahr. Dieser Trend prägt sich immer mehr aus. Früher aufeinander eingespielte konstante Teams von Pflege und Ärzten werden durch aktuelle Entwicklungen immer schwerer zu realisieren. Die Freude an der Arbeit als Chirurg wird einem zunehmend genommen.

nä: Aber dann einfach umschwenken auf Hausarzt... ?
Dr. Kuhn: Ich habe noch zwanzig Jahre ärztliche Tätigkeit vor mir, zwanzig Jahre im Krankenhaus liegen hinter mir, in denen ich mit dem derzeitigen System nicht mehr zufrieden war. Man hat nur ein Leben, und man muss sich überlegen, was man damit macht. Will ich so weitermachen wie bisher? Mit der Krankenhausbürokratie, dem wirtschaftlichen Druck, der Einengung? Oder doch noch etwas Neues wagen? - Der Entscheidung ging natürlich eine längere Findungsphase voraus. Im Laufe meiner Tätigkeit hier in Gifhorn habe ich Kontakte zu vielen Kollegen auch im ambulanten Bereich knüpfen können. Mit manchen bin ich eng befreundet. Da konnte ich einen kleinen Einblick in die Tätigkeit als Hausarzt mit allen positiven und negativen Facetten nehmen. Auch die Lebensqualität als niedergelassener Arzt sah ich ja. Und als ermächtigter Proktologe hatte ich auch schon Bekanntschaft mit dem KV-System gemacht.

nä: Aber dass Sie in Gifhorn bleiben, ist gegen den Trend. Leider meiden Ärzte ja zunehmend ländliche Gebiete.
Dr. Kuhn: Ich hatte andere Angebote aus dem niedergelassenen Bereich und von anderen Krankenhäusern und hätte in andere Gegenden wechseln können. Aber meine Frau und ich haben schon zwei Mal die Region und das soziale Umfeld gewechselt. Wir haben hier in den letzten Jahren einen Freundeskreis gefunden, wir fühlen uns in der Region wohl, das soziale Umfeld stimmt. Deshalb habe ich meine Weiterbildung auch hier angetreten. Da helfen einem auch die Strukturen vor Ort weiter. Gifhorn hat seit längerem ein Mentorenprogramm für den hausärztlichen Nachwuchs im Landkreis. Da hatte ich früher als Chefarzt schon mitgearbeitet - jetzt habe ich selbst eine ´Mentee´.

nä: Heißt das für Sie jetzt noch einmal fünf Jahre Weiterbildung?
Dr. Kuhn: Nein. Die meisten Abschnitte der Ausbildung habe ich ja durch meine lange Krankenhaustätigkeit sowieso abgedeckt. Aber ich muss sagen: Dennoch ist der Quereinstieg selbst für erfahrende Mediziner hier in Niedersachsen unglaublich schwer. Ich habe eineinhalb Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet und eineinhalb Jahre in einer onkologischen Ambulanz, aber diese Zeit wird mir nicht komplett anerkannt. Warum? - Weil die Leitung der Abteilung seinerzeit anästhesistisch und chirurgisch erfolgte, aber eben nicht internistisch. Da machte die Ärztekammer Niedersachsen eben keine Zugeständnisse, leider. Man beharrt einfach auf den bestehenden Vorgaben. Also muss ich noch meine internistische Weiterbildung in einer internistischen Abteilung antreten. Sie können sich denken, das ist nicht so angenehm, wenn man bereits Chefarzt war.

nä: Welche Weiterbildungszeit halten Sie den in Fällen wie dem Ihren für angemessen?
Dr. Kuhn: Ein Jahr ist absolut zu kurz, weil im hausärztlichen Bereich doch ein sehr weites Umfeld an Kenntnissen verlangt wird und die Kolleginnen und Kollegen im Wesentlichen auch die Ausbildung aufwendig absolviert haben. Dem muss natürlich Respekt gezollt werden. Aber zwei Jahre sollten ausreichend sein. Ich denke, hier sollte es möglich sein, je nach Vita des Bewerbers individuelle Entscheidungen zu treffen. Wenn tatsächlich ein so hoher Bedarf insbesondere für ländliche Gebiete existiert, dann sollte der Quereinstieg von erfahrenen Ärzten mit Augenmaß erleichtert werden. über Mentorenprogramme allein ist der künftige Ärztemangel auf dem Land nach derzeitigen Berechnungen nicht zu bewältigen. Andererseits bin ich sicher, dass eine begrenzte Zahl erfahrener Krankenhausärzte bereit wäre, in die ambulante Versorgung zu wechseln, wenn man ihnen nicht so viele Steine in den Weg legen würde. Die Regularien sind zu schwierig in Niedersachsen. Würde man die ein wenig flexibilisieren, würden aus meiner Sicht die Versorgungssorgen in relativ kurzer Zeit deutlich geringer sein. Es ist absehbar, dass in Zukunft sich die Zahl der Krankenhäuser reduzieren wird. Damit werden erfahrene Ärzte freigesetzt.

nä: Vom Chefarzt zum Weiterbildungsassistenten - wie geht man damit um?
Dr. Kuhn: Hier in der Praxis Kuba und Tippaar ist das für mich überhaupt kein Problem. Ich habe ein tolles Team, tolle Kollegen kennenlernen dürfen und es ist eine traumhafte Zusammenarbeit. Wir begegnen einander auf Augenhöhe und mit gegenseitiger Akzeptanz.

nä: Was reizt Sie gerade an der Hausarzttätigkeit?
Dr. Kuhn: Die Selbständigkeit ist es, die mich reizt. Ich hatte schon länger damit geliebäugelt. Zunächst ist es sehr spannend, eine ganz neue Herausforderung. In vielen Strukturen bin ich mein eigener Herr. Ich habe den Eindruck, ich kann mehr und schneller Dinge beeinflussen, Abläufe schnell umstrukturieren, selbst entscheiden und organisieren. Dies natürlich immer im Konsens mit meinem beiden Kollegen.

nä: Wo liegt für Sie der Hauptunterschied zur Krankenhaustätigkeit?
Dr. Kuhn: Der bürokratische Aufwand ist derzeit gefühlt etwas geringer. Ich weiß - viele hausärztliche Kollegen klagen gerade darüber und werden diese Meinung absolut nicht teilen. Ich habe in der kurzen Zeit meiner Weiterbildung natürlich noch nicht das ganze Ausmaß kennengelernt. Aber von der Klinik her habe ich es deutlich komplizierter in Erinnerung. Wir haben hier zwar auch Dokumentationspflichten, aber diese können teilweise geschulte Mitarbeiterinnen mit abnehmen. Aber ich sehe auch in der Praxis die Tendenz, immer neue Anforderungen zu bewältigen, jetzt etwa beim Datenschutz durch die DSGVO. Solche Erschwernisse machen es auch nicht einfacher. Dazu kommen natürlich auch Dinge, welche vorher nicht so zu den Aufgaben eines Klinikers gehörten, wie Abrechnung, Versicherung, EDV, Qualitätssicherung, Versicherungen etc. Dies ist dann auch eine Unmenge an Tätigkeiten in der Praxis und zusätzlich zu erledigen.

nä: Können Sie schon eine erste vorläufige Bilanz wagen?
Dr. Kuhn: Ich habe es nicht bereut. Die Tätigkeit als Hausarzt ist spannend und abwechslungsreich und erfasst viele Bereiche. Ich muss mich häufig noch einmal hinsetzen und etwas nachlesen, meine Kenntnisse auffrischen. Es gilt, neue Erfahrungen zu sammeln. Es macht zufrieden, wenn auch die Patienten zufrieden sind. Manche von ihnen sehe ich zwei Mal im Monat, die kenne ich schon ganz gut, und es ist sehr reizvoll, wenn die auch ihre Familie mitbringen, weil Vertrauen aufgebaut wird. Das ist eine viel persönlichere Art der Behandlung. Man muss viel reden und Verständnis aufbringen, gerade auch bei psychischen Erkrankungen. (Lacht) Beim Chirurgen haben die halt meist geschlafen. Damit muss man auch umgehen und dies ist eine der vielen Voraussetzungen, um Hausarzt zu arbeiten.

nä: Und wie soll es nach der Weiterbildung für Sie weitergehen?
Dr. Kuhn: Zu Anfang hatte ich noch sozusagen Trotzgedanken bei all dem Ärger um die Anerkennung meiner Qualifikationen in der Ärztekammer Niedersachsen. Da dachte ich mir: Geh doch dahin, wo noch mehr Ärzte fehlen. Das wären vor allem die neuen Bundesländer, wo ich auch herkomme. Aber mein Plan ist jetzt, auf Dauer hier in die Praxisgemeinschaft in Wesendorf mit einzusteigen.

Mit Dr. Kuhn sprach Dr. Uwe Köster

Verfasser/in:
Dr. Uwe Köster
Pressestelle der KVN
Berliner Allee 22, 30175 Hannover



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