aktualisiert am: 08.01.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

01/2001


"Handys gehören nicht in Kinderhände" - ÄKN-Gesundheitsforum warnt vor möglichen Schäden des kindlichen Organismus


Gegen Handys in Kinderhänden hat sich Prof. Karl Ernst von Mühlendahl, Leiter der Kinderklinik in Osnabrück, ausgesprochen. Der Arzt warnte auf dem Umweltforum des Arbeitskreises "Gesundheit und Umwelt" der Ärztekammer Niedersachsen vor einer möglichen Schädigung des kindlichen Organismus durch gepulste hochfrequente Strahlung. "Auch wenn heute noch niemand weiß, welche Strahlenbelastung das menschliche Hirn unbeschadet ertragen kann, ist ein Kind wegen seines Entwicklungsstadiums in einem weit höheren Maße gefährdet", erörterte von Mühlendahl vor über 100 Teilnehmern im Ärztehaus Hannover.

Der renommierte Pädiater erinnerte daran, daß es bisher keine gesicherten Erkenntnisse darüber gebe, welche Auswirkung die gepulste, hochfrequente Strahlung auf Hormonrezeptoren, Genaktivierung und das Zellwachstum hätten. In etlichen Studien sei jedoch festgestellt worden, daß Menschen unter dem Einfluß dieser gepulsten, hochfrequenten Strahlung, die von den Antennen ausgehe, über Kopfschmerz, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche bis hin zu Schlaflosigkeit und gar Depressionen klagten. Wenn ein Zusammenhang zwischen Strahlung und psychischen wie somatischen Beschwerden direkt noch nicht nachzuweisen sei, weil es derzeit noch an entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden fehle, so sei ein kausaler Zusammenhang nicht einfach von der Hand zu weisen. Wer Mobiltelefone benutze, gehe freiwillig ein solches Risiko ein.
Weitaus höher sei das Risiko jedoch einschätzen bei Kindern, vor allem dann, wenn sie, wozu Kinder leicht neigten, kurze Sprechzeiten nicht einhielten. Handys standen nämlich auf dem Weihnachtswunschzettel bei Kinder ab 14 Jahre an erster Stelle. Von Mühlendahl forderte deshalb vom Dachverband der deutschen kinderärztlichen Gesellschaften eine entsprechende ablehnende Empfehlung auszusprechen, um so Schäden des kindlichen Organismus durch die Benutzung von Handys auszuschließen.

Vor dem Hintergrund kapitalintensiver Investitionen der Telefongesellschaften für die UMTS-Lizenzen mit verstärktem Werbeaufwand für neue Mobilfunkkunden und dem Bedarf an weiteren neuen Antennenanlagen, sei damit zu rechnen, daß unter Umständen auch mit Falschinformationen über die Schädlichkeit der Geräte und der Antennenstrahlung, Erwachsene und vor allem Jugendliche geködert würden. Die Ärzte seien deshalb zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen. Sie sollten gegebenenfalls Einspruch erheben, wenn in der Nähe von Schulen, Krankenhäusern oder Kindergärten Antennenanlagen errichtet werden sollen. Von Mühlendahl sprach sich dafür aus, die Werte der Salzburger Studie, nämlich ein Milliwatt Strahlung je Quadratmeter Wohnfläche in der von der Antennenanlage direkt bestrahlten Wohnung, als Grenzwert festzulegen. Anrainer solcher Anlagen sollten auf Einhaltung dieses Wertes im Anhörungsverfahren bestehen.

Kinder durch Umweltschäden stärker belastet

Schädigungen des kindlichen Organismus durch Umweltgifte finden ihre Quellen aber auch in anderen Noxen. Vor allem während der Wachstumsphase sei das Schädigungspotential erheblich. Könne ein Erwachsener beispielsweise bestimmte toxische Dosen an Blei oder Quecksilber vergleichsweise unbeschadet verkraften, entstünden bei Kindern durch Blei- und Quecksilberbelastungen in toxischen Dosen irreparable Schäden, z.B. durch Chlorkohlenwasserstoffe, wie sie immer wieder im Wohnumfeld festzustellen seien. Diese führten zu permanenten funktionellen Beeinträchtigungen bei Kindern, wenn sie in der perinatalen Zeit solchen Expositionen ausgesetzt seien. Ausscheidungs- und Entgiftungsprozesse seien bei Neugeborenen eben noch nicht ausgereift.

Die derzeit größte Gefahr für die kindliche Entwicklung gehe jedoch vom Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum aus. Kinder, die bereits im Alter von zehn bis 13 Jahren zu ständigem Tabak- und Alkoholmißbrauch neigten, würden Lunge und Bronchien sowie die Leber derart schädigen, daß chronische Krankheiten die unausbleibliche Folge seien. Elternhaus, Schulen und Kinder- und Jugendärzte müßten sich deshalb dieses Problems mit mehr Engagement und Entschiedenheit annehmen, forderte von Mühlendahl.

Andere Schäden für die kindliche Entwicklung entstünden durch Fehl- und Mangelernährung, die es auch in der Wohlstandsgesellschaft gebe. Würde beispielsweise das Schilddrüsenhormon nicht ausreichend produziert, hätte dies in den ersten sechs Lebensjahren neurologische Defizite zur Folge.

Schadstoffe im Haushalt begünstigen atopische Erkrankungen

Dr. med. Birger Heinzow vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium verwies darauf, daß es durch die Verfeinerung der diagnostischen Instrumente gelungen sei, prä- und postnatale Schadstoffbelastungen auf die Endpunkte des Zentralen Nervensystems ZNS durch Umweltkontamination nachzuweisen. Dadurch sei es möglich, Hintergrundbelastungen zu erkennen, die den Grenzbereich überschritten hätten. Die chemischen und physikalischen Belastungen durch Materialien, die in Teppichen, Möbeln, Farbanstrichen und anderem enthalten seien, könne früher und eingehender analysiert und auf ihre schädliche Wirkung auf den menschlichen Organismus generell und auf den kindlichen Organismus im besonderen geprüft werden.
Dies erfordere entsprechend strengere Zulassungskriterien für die im Haushalt verwendeten Materialien. Geprüft werden müsse deshalb, inwieweit von ihnen Krankheiten wie Asthma, Neurodermitis oder Allergien gefördert oder gar ausgelöst würden. Besonders strenge Maßstäbe seien bei Spielzeug anzulegen. Farben und Lacke bei Holzspielzeug beispielsweise müßten frei von Ausdünstungen und von Abgaben schädlicher Partikel auch nur in kleinsten Mengen sein.

Über Schäden durch Luftverschmutzung vor allem in den Städten referierte Privatdozent Dr. Dr. med. Andreas Kappos aus Hamburg. Zwar habe die Luftverschmutzung durch die Industrie mit Schwefeldioxid oder Schwermetallen deutlich abgenommen. Dieser Umstand werde jedoch konterkariert durch eine erhebliche Zunahme von Luftverunreinigungen durch den motorisierten Verkehr. Benzole, polyzyklische aromatisierte Kohlenwasserstoffe, Feinstaub-Dieselruß und Stickoxide belasteten die Stadtkinder in einem nicht mehr zu vertretenden Maße. Sie führten bei Kindern aus Ballungsgebieten zu nachhaltigen Schädigungen der Lunge und der Bronchien und trügen somit zu einem wesentlichen Teil an der Zunahme atopischer Erkrankungen bei. Obstruktive Bronchitiden gehörten inzwischen zu den häufigsten Erkrankungen des Kindes. Dagegen sei die Zunahme von Allergien durch Außenluftschadstoffe bisher nicht eindeutig nachweisbar, räumte Kappos ein.

Schadstoffquelle Nahrungsmittel

Die dritte Gefahr für den kindlichen Organismus durch Umweltgifte gehe von Nahrungsmitteln aus. Der jüngste BSE-Skandal hat einmal mehr deutlich gemacht, daß es eines gründlichen Überdenkens der jetzigen Nahrungsmittelproduktion bedarf und der Verbraucherschutz gegenüber Gefahren aus Nahrungsmitteln einen immer höheren Stellenwert gewinnen muß. Anke von Hollen, Ökotrophologin aus Gütersloh, wies in ihrem Vortrag auf die vielfältigen Gefahren hin, die von Lebensmitteln ausgehen und die deshalb eine besondere Sorgfalt im Umgang mit Nahrungsmitteln vor allem für Kleinkinder notwendig erscheinen läßt.
Als Gefahrenquellen nannte sie die Rückstände von Tierarzneimitteln in der Fleischproduktion, die Übertragung von Krankheiten aus Tierprodukten (Beispiel Salmonellen bei Geflügel), Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in vegetarischen Produkten, unsachgemäßer Umgang bei der Lebensmittelproduktion und -lagerung.
Der Konsument könne selbst dazu beitragen, indem er auf sachgerechte Lagerung von Lebensmitteln achte.
Mikrobielle Verunreinigungen und Mykotoxine ständen an oberster Stelle der Infektionen durch Lebensmittel. Als Beispiel führte die Referentin an, daß etwa 200 pathogene Keime sich bei Raumtemperatur innerhalb von nur vier Stunden auf 100 000 vermehrten. Durch ausreichende Kühlung würde das Wachstum gebremst und das Erkrankungsrisiko erheblich gemindert. Auch falsche Behandlung und Bearbeitung von Lebensmitteln führe zur Zerstörung des Nährstoffgehaltes, etwa der Vitamine. Zu langes Kochen bei zu hohen Temperaturen und Braten und Grillen bis zur Verkohlung erhöhten den Anteil an krebserregenden Substanzen. Letztlich sei auch die Auswahl gereifter Lebensmittel ein Teil gesunder Ernährung. Gesundheitsschädlich seien grüne Kartoffeln, die Solanin enthielten, und bestimmte Bohnenarten, in denen Lectine enthalten seien.

Um die Risiken zu senken, forderte die Ökotrophologin eine Intensivierung der stichprobenartigen Kontrolluntersuchungen der amtlichen Lebensmittelüberwachung gemäß den EU-Richtlinien.
Jo Kanders
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