aktualisiert am: 14.09.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

09/2001


Schwangerschaft und Lyme Borreliose - häufige Fragen und Antworten

H.-J. Christen, H. Eiffert


Einleitung

Die Lyme Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit. In Deutschland ist sie ubiquitär verbreitet. In Südniedersachsen tragen ein Drittel der Zecken (Schildzecken) den Erreger, Borrelia burgdorferi. In der infektiologischen Würdigung der Erkrankung ist zwischen Zeckenstich, Übertragung und Erkrankung strikt zu unterscheiden, da die jeweiligen Häufigkeiten stark voneinander abweichen. In der südniedersächsischen Bevölkerung beträgt die Prävalenz von IgG-Antikörpern gegen Borrelia burgdorferi ca. 7 Prozent. Auf 100 Zeckenstiche ist mit nur ungefähr einer Erkrankung zu rechnen. Das klinische Spektrum der Lyme Borreliose wird ganz überwiegend - zu 90 Prozent - durch dermatologische Symptome, insbesondere das Erythema migrans geprägt und umfaßt daneben deutlich seltener - mit jeweils ca. 5 Prozent - neurologische Krankheitsbilder (v.a. Fazialisparese) und Gelenkerkrankungen (v.a. Gonarthritis).

In der Regel stellt die Lyme Borreliose eine akute Infektionskrankheit dar, nur in Ausnahmefällen zeigt sie einen chronisch-rezidivierenden Verlauf. Der positive Antikörperbefund bildet einen wichtigen Baustein in der Diagnostik, ist jedoch weder notwendige noch hinreichende Voraussetzung für die Diagnose einer Lyme Borreliose. Um Fehldiagnosen zu vermeiden, sind Anamnese und typischer klinischer Befund in Ergänzung mit Antikörperbefunden als gleichwertig heranzuziehen.

Borrelia burgdorferi zählt zur Familie der Spirochäten und ist damit dem Erreger der Lues, Treponema pallidum, eng verwandt. In Analogie zur Lues, insbesondere ihrer konnatalen Form, wurde sehr bald nach der Entdeckung der Lyme Borreliose dem Risiko von Infektionen in der Schwangerschaft große Aufmerksamkeit geschenkt. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erschienen einige wenige plausible Einzelfallberichte, die jedoch - anders als bei der Lues - kein spezifisches klinisches Syndrom einer konnatalen Borrelieninfektion erkennen ließen. In der Mehrzahl der Mitteilungen erschien jedoch - zumal vor dem Hintergrund der heutigen diagnostischen Möglichkeiten - der kausale Zusammenhang im Sinne einer konnatalen Borrelieninfektion nicht hinreichend gesichert. Diese Einzelfallberichte gaben Anlaß zu mehreren retrospektiven oder prospektiven Studien, die in großen Kollektiven der Frage nach Risiken einer Borrelieninfektion für den Schwangerschaftsverlauf oder den Feten galten. Mit Bezug auf diese Untersuchungen und eigene Untersuchungsergebnisse sollen folgende Fragen beantwortet werden, die in der Schwangerschaftsbetreuung relevant sein können:

1. Gibt es im Falle eines Zeckenstiches bei einer Schwangeren diagnostische Besonderheiten zu beachten, die über die allgemein gültigen Empfehlungen hinausgehen?

Nach heutigem Kenntnisstand gilt allgemein, daß allein ein Zeckenstich weder eine serologische Antikörperuntersuchung noch eine Untersuchung der Zecke selbst auf einen Befall mit Borrelia burgdorferi rechtfertigt. Diese Vorgehensweise kann prinzipiell auch für Schwangere übernommen werden. Diese Empfehlung stützt sich auf folgende Ergebnisse und Erkenntnisse:

Schwangere haben die gleiche Prävalenz von Antikörpern gegen Borrelia burgdorferi wie ein unausgelesenes gesundes Normalkollektiv (in Südniedersachsen durchschnittlich ca. 7 Prozent IgG-Antikörper und ca. 0,8 Prozent IgM-Antikörper). Eigene Untersuchungen zur Serokonversion während der Schwangerschaft ergaben - wiederum für Südniedersachsen - eine Häufigkeit von 0,7 Prozent (Tabelle 1). Weder der einzelne positive Antikörperbefund in der Schwangerschaft noch der Befund einer Serokonversion waren nach unseren Untersuchungen der Neugeborenen mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen im Schwangerschaftsverlauf oder den Feten verbunden. Diese Erkenntnis entspricht den Ergebnissen zweier weiterer Studien aus den USA bzw. der Schweiz zu gleicher Fragestellung, wenngleich die Antikörperprävalenz deutlich niedriger als in Südniedersachsen ausfiel. Zusammenfassend ist festzustellen, daß Antikörperuntersuchungen allein auf Grund eines Zeckenstiches bei einer Schwangeren weder sinnvoll sind (ohnehin Prävalenz von 7 Prozent) noch eine Handlungskonsequenz haben (positiver Antikörperbefund und/oder Serokonversion ohne klinische Symptome bedeuten kein erhöhtes Komplikationsrisiko).

2. Begründet ein Zeckenstich bei einer Schwangeren eine prophylaktische antibiotische Therapie?

Bei Schwangeren kann der generellen Empfehlung gefolgt werden, daß eine prophylaktische postexpositionelle antibiotische Behandlung nicht indiziert ist. Die Besonderheit der Schwangerschaft mag im Einzelfall Abweichungen von diesem Vorgehen begründen, bedeutet aber keinen grundsätzlichen Unterschied. Wie oben dargelegt, bietet die serologische Diagnostik allein keine Entscheidungshilfe. Entscheidend ist hier eine engmaschige Verlaufsbeobachtung auf mögliche Symptome einer Lyme Borreliose, insbesondere die Manifestation eines Erythema migrans an der Einstichstelle.
3. Welche diagnostischen oder therapeutischen Konsequenzen hat eine klinisch manifeste Lyme Borreliose in der Schwangerschaft?

Gesicherte systematische Erkenntnisse über Art und Häufigkeit von Komplikationen im Schwangerschaftsverlauf liegen nicht vor. Die Erkrankung der Mutter scheint nur sehr selten mit einer Infektion des Feten verbunden zu sein. Nach der Datenlage in der Literatur darf davon ausgegangen werden, daß bei frühzeitiger und konsequenter antibiotischer Therapie einer klinisch manifesten Lyme Borreliose in der Schwangerschaft eine Infektion des Feten wirksam verhindert werden kann. Nur bei einem 1988 publizierten Fall fanden sich Hinweise auf eine diaplazentare Übertragung von Borrelia burgdorferi trotz vorheriger antibiotischer Therapie wegen eines Erythema migrans im 1. Schwangerschaftstrimester. Demgegenüber finden sich mittlerweile zahlreiche Mitteilungen über die Effektivität einer antibiotischen Behandlung einer manifesten Lyme Borreliose in der Schwangerschaft mit dem Ergebnis eines unkomplizierten Verlaufs. So waren bei keinem der Neugeborenen erkrankter Mütter spezifische IgM-Antikörper als mögliches Indiz einer diaplazentaren Infektion nachweisbar. Die Berichte beziehen sich vornehmlich auf Erkrankungen mit Erythema migrans. So konnten wir auch in unserem retrospektiven Untersuchungsansatz bei 3 der 6 Schwangeren mit Serokonversion während der Schwangerschaft ein Erythema migrans anamnestisch ermitteln, das jeweils wirksam antibiotisch behandelt worden war (Tab. 2).

Zusammenfassend ergibt sich hieraus die Konsequenz, daß nach regelhafter antibiotischer Behandlung einer manifesten Lyme-Borreliose in der Schwangerschaft eine Therapie des Neugeborenen nicht erforderlich ist. Ebenso sind unter diesen Bedingungen Antikörperuntersuchungen beim Neugeborenen entbehrlich. Demgegenüber besteht die Indikation für eine parenterale antibiotische Therapie des Neugeborenen mit Penicillin G in dem sicherlich sehr seltenen Fall einer peripartalen Manifestation einer Lyme-Borreliose bei einer Schwangeren oder gerade entbundenen Mutter. Hier ist durchaus das Risiko einer Spirochätemie beim Neugeborenen infolge diaplazentarer Übertragung anzunehmen, die beim Neugeborenen eine systemische Lyme-Borreliose verursachen könnte.


Anschrift der Verfasser:

Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Christen
Kinderkrankenhaus auf der Bult
Janusz-Korczak-Allee 12
30173 Hannover

Prof. Dr. Dr. med. Helmut Eiffert
Abteilung Bakteriologie
Universitätskliniken
Kreuzbergring 57
37075 Göttingen

 
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